RELIGIONEN IN HANNOVER
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Dr. GÜNTHER OVERLACH

Die christlichen Konfessionen und der interreligiöse Dialog. 
Aktuelle Situation in Hannover und Perspektiven für die Zukunft -
Beitrag zur Podiumsveranstaltung "Religionen im Gespräch" am 2.2.98 

1. Viele christliche Kirchen und Gemeinschaften
2. Die gemeinsamen christlichen Grundlagen
3. Die Vielfalt der Christentümer in Hannover
    3.1 Die orthodoxen Kirchen
    3.2 Die katholischen Kirchen
    3.3 Die Reformationskirchen
    3.4 Die Freikirchen
    3.5 Konsequenzen für den Dialog
4. Die Praxis des Dialoges
    4.1 Konkrete Begegnung und Treue
    4.2 Praktische Beispiele
 

1. Viele christliche Kirchen und Gemeinschaften

Religionen im Gespräch. Bevor man mit jemanden ein Gespräch beginnt, stellt man sich kurz vor: Name, Titel, ggf. berufliche Funktion. Ich habe es übernommen, das Christentum vorzustellen. Das Christentum - da kommt man schon ins Stocken. Gibt es das überhaupt? Das Christentum stellt sich in viele Kirchen und Gemeinschaften zersplittert dar, die sich teilweise untereinander nicht voll anerkennen, teilweise aber doch; die z. T. in Arbeitsgemeinschaften zusammengeschlossen sind, sich z.T. aber auch gegenseitig die Mitglieder abwerben - insgesamt eine komplizierte Vielfalt. Deswegen bin ich auch als Vorsitzender der ACKN, des (mit 26 Mitgliedskirchen) umfassendsten christlichen Zusammenschlusses in Niedersachsen, gebeten worden, diese Kurzvorstellung hier zu geben. 

2. Die gemeinsamen christlichen Grundlagen

Gewiß gibt es gemeinsame christliche Grundlagen: 

  • Alle Christen glauben an den einen Gott, den Schöpfer der Welt und jedes einzelnen Menschen. Das Christentum ist eine monotheistische Religion. 
  • Es ist zweitens eine Offenbarungsreligion: Alle Christen glauben, daß sich dieser Gott in dem Juden Jesus aus Nazareth in seinem innersten Wesen gezeigt, offenbart hat. 
  • Drittens ist das Christentum eine Erlösungsreligion: Alle Christen glauben, daß dieser Jesus die Kluft zwischen Gott und Mensch überbrückt und uns das Heil, die Rettung, die Befreiung, die Heiligung (man kann da verschiedene Begriffe wählen) schenkt. 
  • Das Christentum ist viertens eine Schriftreligion: Alle Christen halten die Bibel für die maßgebliche menschliche Bezeugung der göttlichen Offenbarung. Es gibt aber bereits große Unterschiede unter uns Christen in der Einschätzung der Bibel insgesamt und bei Einzeldeutungen. 
  • Das Christentum ist fünftens eine Gemeinschaftsreligion: Alle Christen sind überzeugt, daß Christsein in einer Gemeinde bzw. Kirche gelebt und gemeinsame Gottesdienste gefeiert werden sollen. Die enormen Differenzen betreffen das "Wie" dieser Kirche, ihrer Machtstrukturen, Ämter, Gottesdienste, Sakramente etc. 
  • Schließlich glauben alle Christen, daß Gott die Kirche und die Welt durch die Zeiten nicht allein läßt, sondern mit seinem Heiligen Geist weiter in allem wirkt. 
  • Gott ist also der Ursprung von allem, der Geist, der alles durchdringt und der ihn offenbar macht in drei Seinsweisen, ein und derselbe. Das Christentum ist trinitarischer Monotheismus. 
Dies alles glauben die Christen gemeinsam. Unterschiede betreffen die Fragen des "Wie" im Einzelnen. Das gilt allerdings auch nur für die offizielle Kirchenmeinung. Zumal in den Volkskirchen gibt es eine große Bandbreite Distanzierter und Kirchenferner mit unterschiedlichsten eigenen Vorstellungen vom Christlichen.  3. Die Vielfalt der Christentümer in Hannover 

Wie stellt sich nun die Vielfalt der Christentümer in Hannover, dar? Ich werde das nach den vier großen Kirchenfamilien darstellen: Orthodoxie, katholische Kirchen, reformatorische Kirchen, Freikirchen. 

3.1 Die Orthodoxen Kirchen 

Die Orthodoxie ist in selbständige Nationalkirchen gegliedert, die untereinander gleichwertig sind. In Hannover sind durch Zuwanderung eine große Griechisch-orthodoxe Gemeinde und eine große Serbisch-orthodoxe Gemeinde entstanden, beide haben ihre Kirchen und Gemeindezentren am Mengendamm. 

Daneben gibt es kleinere Gemeinden der Russischen und der Ukrainischen orthodoxen Auslandskirche sowie eine Makedonische Orthodoxe Gemeinde. 

Die Orthodoxen Kirchen verstehen sich selbst als die rechtmäßige Fortführung der alten Kirche und sprechen daher allen anderen (der römischen und den evangelischen Kirchen) die volle Rechtmäßigkeit, den rechten Glauben, ab. Ihr gemeinsames Hauptkennzeichen ist die gemeinsame reiche Liturgie, die in den Landessprachen gefeiert wird. Sie stehen miteinander und mit dem ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel in Gemeinschaft. Bei uns sind sie Ausländergemeinden in einer Minoritätssituation mit der schwierigen Aufgabe, divergierende Zuwanderergruppen zu integrieren und Menschen im Exil zu begleiten. Besonders die Serbisch-Orthodoxe Gemeinde zeigt sich ökumenisch sehr offen und auch bemüht, die Konflikte mit dem Islam und der Katholischen Kirche, die aus der jugoslawischen Heimat hier herüberwirken, zu dämpfen. 

Neben diesen orthodoxen Kirchen des byzantinischen Ritus gibt es noch zwei Gemeinden der Altorientalischen Orthodoxen Kirche, die koptische und die syrische Gemeinde. Diese Orthodoxen haben sich schon sehr früh vom orthodoxen Hauptstrom des Patriarchats in Konstantinopel getrennt. 

In Bezug auf den interreligiösen Dialog tendieren die Orthodoxen zu einer religiös exklusiven Position. D.h. ein Dialog zwischen Gleichen kann nicht stattfinden, da das nichtchristliche Gegenüber nicht nur Gesprächspartner, sondern erlösungsbedürftiger Mensch ist, dem Heil verkündigt werden muß. Das hat nichts mit menschlicher Überheblichkeit zu tun, sondern entspricht der Glaubenswahrheit. Im ORK haben die Orthodoxen darauf gedrängt, daß der Dialog von Religionsfreiheit, Offenheit, gegenseitiger Achtung und Mitmenschlichkeit geprägt ist, aber auch daß die Christen Zeugnis ablegen, daß Grenzen eingehalten werden und daß der biblische Glaube an Gott nicht verändert wird (Canberra). 

3.2 Die katholischen Kirchen

Die Römisch-katholische Kirche zeichnet sich durch die mit dem Papst verbundene Hierarchie aus. In der Region Hannover gibt es ca. 170.000 kath. Christen in 61 Gemeinden in 6 Dekanaten. Mit der kath. Kirche sind 5 sog. Missionen, d.h. kath. Gemeinden anderer Sprache verbunden, sowie die Katholisch-Ukrainische Gemeinde mit orthodoxem Ritus. 

Von der Römisch-katholischen Kirche hat sich 1871 die Altkatholische Kirche getrennt, die mit einer Gemeinde in Hannover vertreten ist. 

Die Römisch-katholische Kirche hat sich seit dem II. Vatikanischen Konzil dem Gedanken des Dialoges geöffnet und sogar einen "Päpstlichen Rat" dafür geschaffen. Die katholische Grundposition zum Dialog nennt man inklusivistisch. Die o.g. exklusivistische Position wird in der kath. Kirche heute nicht mehr vertreten. Inklusiv heißt dieser Ansatz, weil er davon ausgeht, daß Christus durch den Heiligen Geist in allen Menschen, ja auch in den Religionen selbst, ihren Bräuchen und Traditionen wirkt und dort "einen Strahl der Wahrheit, Saatkörner des Wortes und Samen des Guten" hervorbringt. An diese positiven Elemente gilt es im Dialog anzuknüpfen und sie zum wahren Glauben hin zu veredeln und zu vollenden. Als höchstes Ziel bleibt freilich die Einbindung aller Menschen in die Kirche, "das allumfassende Heilssakrament", in der Christus als einzigartiger Mittler wirkt. Deshalb ist der Dialog letztlich auch nur ein Teilaspekt des umfassenderen Evangelisierungsauftrages. 

Es gibt vier Ebenen des Dialoges: Den Dialog des Lebens in guter Nachbarschaft, den Dialog des gemeinsamen Handelns für ein menschenwürdigeres Dasein aller, den Dialog der theologischen Spezialisten und den Dialog der religiösen Erfahrung, des Teilens der Geistlichen Reichtümer. Der Gedanke der Ebenen ist für die Praxis des Dialogs bedeutsam: Bei jedem Dialog ist eine Klärung der Ziele und der Ebene wichtig. Auch muß darauf geachtet werden, daß es sich um gleichwertige Partner handelt. 

Der Dialog verlangt auf allen Ebenen, daß jeder mit der Integrität des eigenen Glaubens eintritt, er verlangt Offenheit und Aufnahmebereitschaft, gemeinsamen Willen zur Wahrheitsfindung und Bereitschaft, sich durch die Begegnung verwandeln zu lassen. 

(Diese Dialogprinzipien sind einer Verlautbarung des Apostolischen Stuhles von 1991 entnommen.) 

3.3 Die Reformationskirchen 

Für die Familie der reformatorischen Kirchen ist die Konzentration auf das verkündigte Wort typisch. Die Tradition, die Hierarchie, das Rechtliche tritt demgegenüber zurück. Zu diesem Kirchenzweig gehören in Hannover der Evangelisch-lutherische Stadtkirchenverband mit 280.000 Christen in 83 Gemeinden (gut die Hälfte aller Einwohner). 

Auch die Evangelisch-Reformierte Kirche mit 7.200 Gemeindegliedern in 3 Gemeindezentren gehört zu den reformatorischen Kirchen. Diese beiden haben volkskirchlichen Status und sind Mitgliedskirchen der EKD. Zu den reformatorischen Kirchen ist aber ebenso die SELK mit 2 Gemeinden in Hannover zu rechnen, eine lutherische Freikirche, man sagt auch 
„altreformatorisch“. 

In den evangelischen Kirchen gibt es keine höhere Instanz, die gültige Dialogregeln vorschreibt. So findet man innerhalb der reformatorischen Kirchen eine große Bandbreite von exklusiven über inklusive bis zu pluralistischen Positionen im Hinblick auf Jesus Christus als Heilsweg. 

Eine ziemlich repräsentative Position bietet die von der EKD, der VELKO und der reformiert/unierten AKf herausgegebene Studie "Religionen, Religiosität und christlicher Glaube". In ihr findet der Dialog seinen gleichberechtigten Platz in dem christlich gebotenen Dreiklang von Mission, Dialog und Konvivenz (Zusammenleben). Dieser Dreiklang ist in der dreifachen Seinsweise der Trinität Gottes begründet und gehört zum Wesen der Kirche: Mission geht aus vom Hl. Geist. der uns zu Zeugen macht. Dialog geht aus von Jesus dem Wort Gottes, das in seiner Botschaft zu den Religionen kommt. Konvivenz, das Zusammenleben, ist die Weise, wie Christen mit den anderen Religionen umgehen, die ebenfalls auf Gottes, des Vaters, schöpferisches und welterhaltendes Handeln zurückgehen.

Konvivenz: die Christen leben nicht für sich, sondern mit den Nachbarn und allen Menschen hilfsbereit zusammen und arbeiten für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung mit ihnen gemeinsam, sie lernen von ihnen und feiern mit ihnen. 

Auf diesem gemeinsamen Boden gedeiht der religiöse Dialog. Er ist getragen 
- vor allem vom Geist der Bußfertigkeit, dem Wissen um die Grenzen und die Schuld der eigenen Religion. In der stärkeren Betonung der Buße unterscheidet sich der evangelische vom katholischen Dialogansatz. 
- Sodann vom Geist der Demut, denn wir entdecken auch in den anderen Religionen reiche Schätze der Spiritualität und Hingabe, von denen wir lernen können. Nicht alle haben freilich Interesse am Dialog. 

Aus dem Dialog aber erwächst das Zeugnis. Denn in den Dialog bringen wir demütig und mit Freude - nicht uns selbst - sondern Jesus Christus ein, als Heiligen und Lehrer (so sehen ihn auch andere Religionen), aber auch als unseren Herrn und Heiland. 

Alle bisher genannten Kirchen, dazu die methodistische, sind im "Handbuch der Religionen in Hannover“ aufgeführt. Damit ist aber die christliche Vielfalt in Hannover keineswegs erschöpft. Daneben gibt es noch die Freikirchen. 

3.4 Die Freikirchen 

Unter dem Sammelbegriff "Freikirchen" fasse ich schließlich - sehr vergröbernd - eine große Vielfalt von Kirchen und Gemeinden zusammen. Sie stehen alle der volkskirchlichen Tradition der Großkirchen mit einem hohen Anteil von kirchlich distanzierten Mitgliedern kritisch gegenüber und versuchen, ihre Gemeinden im Rückgriff auf die Bibel und das urchristliche Gemeindeleben zu gestalten. Mitgliedschaft soll es nur auf der Basis persönlich erfahrenen und bekannten Glaubens geben. Das schließt bei vielen auch die Taufe gläubiger Erwachsener ein. 

In Hannover gehören hierher die 5 Gemeinden des Bundes Ev. Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten), die Freie Evangelische Gemeinde sowie zahlreiche Pfingstgemeinden, aber auch etliche charismatische Gemeinden. Weiter gibt es eine ganze Reihe Gemeinden älterer Freikirchen, wie Methodisten, Herrnhuter, Mennoniten und die Religiöse Gesellschaft der Freunde (Quäker). Außerdem viele neuere Gemeinden wie die Siebenten-Tags-Adventisten. 

Bei dieser bunten Fülle wäre es völlig vermessen, von einer gemeinsamen Position zum Religionsdialog zu sprechen. Bei allen Abweichungen im Einzelnen (z.B. besonders bei den Quäkern) dürfte aber doch bei den Freikirchen eine exklusivistische Haltung tendenziell überwiegen. Etliche dieser Gemeinden sind ja selbst der innerkirchlichen Ökumene gegenüber skeptisch. Im Rückgriff auf eine Erklärung der evangelikalen Lausanner Bewegung und der Evangelischen Allianz läßt sich diese Haltung so skizzieren: 

Trotz formaler Gemeinsamkeiten zwischen dem Christentum und anderen Religionen (z. B. Schrift, Gott) stehen doch die zentralen Unterschiede im Verständnis Gottes, der Erlösung und der Offenbarung so fest, daß von einem lernbereiten Dialog nicht viel zu erwarten ist. Missionarisches Zeugnis ist die Aufgabe der Christen, das allerdings im Geist der Liebe Gottes, unter Wahrung der Menschenwürde und Achtung und ohne jeden menschlichen Überlegenheitsdünkel zu geschehen hat. Allenfalls innerhalb eines solchen missionarischen Konzeptes hat auch der Dialog mit und die korrekte Kenntnisnahme der anderen Religionen seinen Platz. 

3.5 Konsequenzen für den Dialog 

Als erstes Fazit für das interreligiöse Seminarprojekt ergibt sich daraus: 

Es müßten von den Seminarteilnehmern viele verschiedene Gemeinden aus den unterschiedlichen christlichen Familien besucht werden, wenn man ein einigermaßen zutreffendes Bild vom "Christentum" gewinnen will. Man wird dabei auch auf sehr unterschiedliche Haltungen zu den anderen Religionen und zum Dialog mit ihnen treffen. 

Hier sei darauf hingewiesen, daß es neben den skizzierten offiziellen Dialogpositionen 
- Exklusivismus, eher bei Orthodoxen und Freikirchen 
- Inklusivismus, eher bei Katholiken und Landeskirchen 
noch pluralistische Haltungen bei vielen Gläubigen gibt (etwa: viele Wege führen zum Heil), die aber nicht kirchenoffiziell sind. Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es auch im Christentum fundamentalistische Strömungen, die jede Form des Dialoges und alle interreligiösen Bestrebungen gänzlich ablehnen. 

So sehr es also manchmal von christlicher Seite gefordert wird und so sehr es sich vielleicht nichtchristliche Dialogpartner wünschen mögen: die eine christliche Stimme wird es nicht geben. Sobald es also um den theologischen Dialog der Spezialisten im engeren Sinne geht, wird er mit jeder Kirche einzeln zu führen sein. 

Umgekehrt aber - das ist hier nicht näher auszuführen - erscheinen auch die verschiedenen Religionen aus christlicher Sicht als sehr unterschiedliche Gebilde. Sie haben ganz verschiedene Anfragen an uns und wir können verschiedenes von ihnen lernen. Man kann auch - vom Judentum abgesehen, das einen besonderen Fall darstellt - nicht sagen, daß uns diese oder jene Religion näher oder ferner wäre. Von daher gibt es einen christlich-jüdischen, christlich-islamischen, christlich-hinduistischen Dialog usw. 

Organisatorisch laufen die entsprechenden Kontakte und Dialoge z.B. in der Hannoverschen Landeskirche und in der EKD auch über verschiedene Arbeitsstellen, Spezialisten und Arbeitskreise, die den Gemeinden Hilfe anbieten. 

Eins ist freilich allen Gemeinden anderer Religionen gemeinsam, daß sie bei uns in einer Minderheitenposition sind. Die Dialogsituation ist in vieler Hinsicht asymmetrisch: Die Gemeinden sind hier noch nicht lange, noch nicht institutionell etabliert, nicht rechtlich und finanziell abgesichert und ihre Gläubigen gehören sozial und bildungsmäßig eher zu den unteren Schichten. Auf all dies ist im Dialog besondere Rücksicht zu nehmen. 

4. Die Praxis des Dialoges

4.1. Konkrete Begegnung und Treue 

Für die Praxis lautet im Dienste wirklichen Kennenlernens die erste Forderung, der Dialog sollte nicht nur akademisch zwischen interessierten Einzelnen geführt werden, sondern auf die Ebene der Begegnung von Gemeinden heruntergeholt werden. Hier muß er eingebettet werden in das Zusammenleben in gute Nachbarschaft und auf greifbaren gemeinsamen Vorhaben aufruhen. Dies setzt vor allem auch die Bereitschaft voraus, über punktuelle Kontakte zu dauerhafter Partnerschaft zu kommen. 

Freude und Leid, Feste und Arbeit an den gemeinsamen Problemen müssen miteinander geteilt werden. Damit sind auch in der innerchristlichen Ökumene die besten Erfahrungen gemacht worden. Besonders von muslimischer Seite ist Enttäuschung über nur punktuelle Kontakte von christlicher Seite geäußert worden über bloßes Neugierverhalten (z.B. einmalige Moscheebesuche, Informations- oder Diskussionsveranstaltungen, folkloristisches Interesse, fehlende Erwiderung von Gastfreundschaft und Teilnahme an Festen). Also die erste Dialogaufgabe heißt: Kontinuität und Aufmerksamkeit, eben wirkliches Leben miteinander, Konvivenz. 

4.2 Praktische Beispiele 

Ich führe im folgenden exemplarisch einige praktische Beispiele christlich-muslimischen Dialogs hannoverscher Gemeinden an. 

A. 

Ich selber habe schon vor 20 Jahren als Gemeindepastor in der Gerhard-Uhlhorn-Gemeinde, Hannover-Linden, einem der ersten Stadtteile mit hohem Anteil von Muslimen, mit Dialogen begonnen. Ansatzpunkt war der Kindergarten. Um den vielen muslimischen Kindern gerecht zu werden, mußten wir mit deren Eltern zusammen die religiösen Bedürfnisse erfahren. Von daher ergab sich die Aufgabe, die Erzieherinnen über den Islam zu informieren - im Gespräch mit Muslimen. Diese Bildungsarbeit wurde auf Stadtebene ausgedehnt. Es entstand der Wunsch nach Feier muslimischer Feste im Kindergarten und wir erstellten entsprechende Arbeitshilfen, später auch solche zur Erklärung christlicher Feste für muslimische Eltern und Kinder. Über den Kindergarten kam es auch zu Religionsgesprächen in der Gemeinde. 

In der Titus-Gemeinde, Vahrenheide, steht die Gemeinschaft in sozialen Einrichtungen vom Kindergarten über die Jugend-, Frauen und Familienarbeit im Vordergrund. Auf dieser Basis kommt es aber immer wieder - ganz praxisbezogen - etwa bei der Feier von religiösen Festen oder gemeinsamen Aktionen - auch zum religiösen Dialog. 

Ähnlich sind in Garbsen interreligiöse Gespräche in eine Vielzahl von gemeinsamen Aktivitäten (Aktionstag zur "Woche des ausländischen Mitbürgers, Friedensgottesdienste, Unterstützung einer deutsch-türkischen Theatergruppe) eingebettet. 

Auch in der Petrus-Gemeinde Barsinghausen folgt eine Reihe von Glaubensgesprächen einer breiten Palette gemeinsamer sozialer und politischer Veranstaltungen und Initiativen für und mit Ausländern, die von einem Projekt "Die Brücke" getragen werden. 

B. 

In anderen Gemeinden erfolgte der Einsatz eher direkt beim religiösen Gespräch. So etwa in der Marktkirche mit dem Aktionskreis der Religionen und Kulturen, der Tage der Begegnung organisierte, aber auch Lichterketten, interreligiöse Friedensgebete u.a.m. Daneben gibt es das Hannoversche Forum für interreligiösen Dialog, Kontakte zweier Frauengruppen und den Gesprächskreis christlich-islamischer Ehen. Auch hier sind aber die Grenzen zum Sozialen und Politischen hin nicht streng zu ziehen. 

In der Margarethen-Gemeinde, Gehrden, setzte man ebenfalls mit thematischen Gemeindeseminaren zum Islam ein; es folgten gemeinsame Gottesdienste, gegenseitige Einladungen in die Gottesdienste, Vergabe des Gemeindehauses an hohen muslimischen Feiertagen. 

In der Martin-Luther-Gemeinde, Ahlem, begann es mit gemeinsamen Friedensandachten zum Golfkrieg, gemeinsamem Bayramfest für Schüler, Moscheebesuchen der Konfirmandinnen und Vortragsarbeit. 

Man sieht - und damit möchte ich schließen: Die beiden Ansätze - der soziale und der religiöse - gehören inhaltlich zusammen: Dialog und Konvivenz sind nicht zu trennen. In die lebendige Begegnung wird dann auch situationsgerecht das authentische christliche Zeugnis mit einfließen. Und dies wird Gott - wenn er will - für die Mission in Dienst nehmen. 

Wie Sie sehen, plädiere ich mit Nachdruck für den Einstieg mit konkreten Projekten, die treu durchgehalten und schrittweise ausgeweitet werden. Ziel sollte es dann sein, möglichst alle christlichen Gemeinden und möglichst Vertreter aller Religionen in einem Stadtteil, einem Wohnquartier einzubeziehen. 

Dr. Overlach, 27.1.98 
   


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letzte Aktualisierung: 9. Oktober 1999

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