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Deutschsprachiger Muslimkreis
Hannover
SAMI KHAIRY
Mekka
Medina
Al-Hadsh (Die
Pilgerfahrt) in Bild und Deutung
Hadsch (Pilgerfahrt)
- von Ali Schariati |
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Mekka
Mekka liegt etwa in der Mitte
Westarabiens 70 Kilometer östlich von Dschidda (Hafenstadt in Saudi
Arabien) 21° 27‚ nördlich vom Äquator 39° 49‚ östlich
von Greenwich.

Das Verb (Makka) bedeutet
auf Arabisch „mindern oder verringern.“ es wurde gesagt, daß Mekka
so genannt wurde, denn sie mindert die Sünden. In einer anderen Überlieferung
wurde behauptet, daß der Grund des Namens in dem Mangel an Wasser
liegt, das dort herrscht.
Im Koran wurde Mekka mit
verschiedenen Namen bezeichnet, und zwar als Mekka, Bakka, die Stadt, die
Mutter der Städte, das sichere Land.
Die Geschichte von Mekka
begann mit dem Befehl Allahs an Ibrahim und seinen Sohn Ismail, Allahs
Frieden auf ihnen, daß sie nach dem Tal, in dem die Stadt Mekka später
errichtetet wurde, reisen sollten. Dort sollten sich Ismail und seine Mutter
niederlassen. So lautet es im Koran:
„Herr! Ich habe Leute
aus meiner Nachkommenschaft in einem Tal, in dem kein Getreide wächst,
bei deinem geheiligten Haus Wohnung nehmen lassen, .. „
Später kam der Stamm
Dschurhum und hat sich in diesem Tal angesiedelt, nachdem Allah Zamzam
Brunnen für Ismail und seine Mutter in der Gegend hatte hervorsprudeln
lassen. Ismail heiratete ein Mädchen vom Stamm Dschurhum und die Siedlung
vergrößerte sich allmählich bis sie eine Stadt wurde.
Allah trug seinen Prophet
Ibrahim auf, das heilige Haus Allahs (die Ka’ba) aufzubauen. Dadurch wurde
die Gegend eine heilige Stadt, der Allah Ehre erwies.
Nachdem Ibrahim den Aufbau
der Ka’ba vollendet hatte, befahl ihm Allah, der Erhabene, unter den
Menschen zur Pilgerfahrt aufzurufen. Da kam die Leute aus aller Welt
jedes Jahr um dort zu pilgern.
Die Dschurhum hatten es sich
zur Aufgabe gemacht, der Pilgerfahrer zu helfen und für die Ka’ba
zu sorgen. Danach kam ein anderer Stamm namens Khusa’a und übernahm
diese Verantwortung. Es war der Stamm Quraisch, die nach ihnen diese Aufgabe
erfüllte. Qasiy Ibn Kilab, der vierte Großvater des Propheten,
Allahs Segen und Heil auf ihm, war zu seiner Zeit die zuständige Person
für diese Aufgabe.
Qasiy gründete einen
Versammlungsstätte (Darun-Nadwa), in der sich die Quraisch zu Beratung
trafen, alle Angelegenheiten von Bedeutung besprachen und Beschlüsse
in Friedens- und Kriegssachen faßten.
Die Ka’ba, die von Ibrahim
und Ismail als ein Ort gebaut worden war, wo nur ein Gott angebetet werden
sollte, diente nun als Haupttempel für die Götzen. Es gab über
360 Götzen in der Ka’ba. Die Ka’ba stand bei den Arabern schon damals
in hoher Achtung, und zwar nicht nur wegen ihrer religiösen Bedeutung,
sondern auch deshalb, weil ihr Standort Mekka zum Mittelpunkt von Handel
und Wandel in Arabien geworden war. Während bestimmter Monate des
Jahres kamen Leute aus allen Teilen Arabiens, um diese Götzen zu besuchen
und sich bei den wochenlang dauernden Opferfesten und Jahrmärkten
zu vergnügen. Diese Märkte wurde nicht nur als geschäftliches
, sondern auch als literarisches Ereignis betrachtet. Dichter sangen ihre
Lieder und Redner trugen ihre Reden vor, die von hoher literarischer Qualität
waren.
Abraha, der abessinische
Statthalter in Jemen, dem dies ein Dorn im Auge war, ließ in San’a
einen Tempel errichten, um die Araber nach dort hin abzuziehen - ohne Erfolg.
Schließlich beschloß er, die Ka’ba mit Gewalt zu entfernen.
Mit einer aus Abessiniern bestehenden Armee zog er auf Mekka. An der Spitze
des Heerbannes ging nach alter Sitte ein riesiger Elefant. Der Himmel war
plötzlich bedeckt von riesigen Vogelschwärmen, den Ebabilvögeln.
In ihren Schnäbeln und Fängen trugen sie kleine Steine, die sie
auf die Soldaten fallen ließen. Wohin sie trafen, verursachen sie
Verletzungen und Prellungen. Die Heer wurde niedergeschlagen und niemand
konnte der Stadt Schaden zufügen. In diesem Jahr wurde der Prophet
Muhammad, Allahs Segen und Heil auf ihm, geboren.
In Mekka lebte Muhammad,
Allahs Segen und Heil auf ihm, und dort wurde er von Allah zum Propheten
gewählt. Als Prophet blieb Muhammad, Allahs Segen und Heil auf ihm,
in Mekka 13 Jahre. In diesen Jahren versuchte er die Bewohner von Mekka
und die der umliegenden Städten zum Islam aufzurufen.
Er verließ die Stadt
und wanderte nach Medina aus. Nach 8 Jahren kam der Prophet wieder und
betrat die Stadt als Sieger. Seit dieser Zeit genießt Mekka eine
besondere Stellung in den Herzen aller Muslime.
In Mekka gibt es die Ka’ba,
die Heilige Moschee, Arafat Berg, Mina (ein Aufenthaltsort der Pilgerfahrer
während des Hadsch) und anderen Stätte, die mit den Riten der
Pilgerfahrt verbunden sind. Der Lohn für das Gebet in der Heiligen
Moschee in Mekka beträgt den Lohn von hunderttausend Gebeten in den
anderen Moscheen.
Mekka genießt in der
saudischen Zeit besondere Interesse. Neue Autobahnen, neue Tunnel und große
Erweiterungen der Heiligen Moschee wurden zu dieser Zeit gemacht. Mehr
als 2 Millionen können heutzutage in der Moschee beten.
Medina
Das zweite heilige Gebiet
im Islam und die erste Hauptstadt des islamischen Staates. In Medina gibt
es die prophetischen Moschee und das Grab von ihm.

Medina liegt im Westarabien
24° 28’ nördlich vom Äquator 39° 36’ östlich von
Greenwich.
In der vorislamischen Zeit
hieß Medina Yathrib nach dem Namen von Yathrib Ibn Qa´id Ibn
‚Ubail, einem der früheren Araber aus dem Stamm ‚Amaliqa, die in Bahrain,
Westarabien und Ägypten damals herrschte. Zu den Namen Medinas gehören
auch Tiba, Al-‚Azra´, Al-Qasimma und Haus der Auswanderung. Medina
liegt in einer wichtigen Lage auf dem Karawanenweg zwischen Syrien und
Jemen.
Die Bewohner von Medina
bestanden aus drei Gruppen:
1. Den Juden, die nach Medina
auswanderten, als sie vor der romanischen und babylonischen Unterdrückung
flohen. Die Juden waren in drei Stämmen geteilt: Banu Quraisa, Banu
An-Nadhier, Banu Qainuqa‚.
2. Dem Stamm Aus, der aus
Jemen vor der Flut von Arim nach Medina auswanderte.
3. Dem Stamm Khazrag, der
aus Jemen vor der Flut von Arim nach Medina auswanderte.
Vor der Auswanderung des
Propheten, Allahs Segen und Heil auf ihm, herrschte in Medina eine feindselige
Stimmung. Der Stamm Aus waren ständig mit dem Stamm Khasradch verfeindet.
Es gelang dem Propheten, Allahs Segen und Heil auf ihm, die zwei Stämme
zu versöhnen. Er schloß auch ein Abkommen mit den Juden.
Der Prophet, Allahs Segen
und Heil auf ihm, begann in Medina mit dem Aufbau der Moschee. Medina wurde
unter seiner Führung politisches und militärisches Staatswesen.
Später wurde Medina die erste Hauptstadt des islamischen Staates.
Medina blieb als Hauptstadt
bis Radschab 36 n.H. Dann wurde Kufa als Hauptstadt während der Amtszeit
von Ali Ibn Abi Talib gewählt.
Die religiöse Bedeutung
von Medina wurde trotzdem nicht um geringsten Teil geändert.
Zu den Sehenswürdigkeiten
in Medina gehören Qiba-Moschee, Uhud-Berg, die Friedhof der Märtyrer
von Uhud und Al-Baqie‚, Al-Miqat-Moschee in Dsu Al-Hulaifa.
Medina genießt in der
saudischen Zeit besondere Interesse. Neue Autobahnen, neue Tunnel und große
Erweiterungen der prophetischen Moschee wurden zu dieser Zeit gemacht.
Mehr als 1 Million können heutzutage in der Moschee beten.
( entnommen aus www.al-islaam.de)
Al-Hadsh
(Die Pilgerfahrt) in Bild und Deutung
Schritt für
Schritt
Im Hadsh gibt es drei Arten
vom Ihram (Weihezustand), das als Eintritt in den Zustand der Ergebenheit
ist. Die drei Arten sind:
-
Freude
(TAMATU)
-
Dual
(QIRAN)
-
Einfach
(IFRAD)
Alle drei Arten des Ihrams sind
rechtsgültig gemäß einer Aussage von Um Al-Mumineen Aisha
r.a.a. die sagte:
"Wir
gingen nach Mekka in Begleitung des Propheten s.a.a.w. in Jahre der Abschieds-Pilgerfahrt
(Hidshat al-Wad'a). Mansche hatten die Absicht (NIAH), Umrah allein zu
verrichten, andere, Umrah und Pilgerfahrt zu kombinieren und die übrigen,
nur die Pilgerfahrt durchzuführen."
1.3.1 Freude (TAMATU)
Die Ihram-Freude (TAMATU)
besteht darin, dass man das Umrah-Ritual während der Pilgerfahrtsmonate
durchführt.
Und am achten Tag (YAUM at-Tashieq)
von DHU al-HIDJAH macht man erneut ein Ihram für die Pilgerfahrt von
seinem Unterkunft in Mekka. Außerdem ist die Pilgerfahrt mit
einer Opfergabe (HADI) verbunden, die man am Fest in Mina während
der Tashrik-Tage darbringt.
Die Einheimischen Pilgern
und diejenigen, die in der Nähe des heiligen Moschee wohnen, brauchen
nicht eine Opfergabe darzubringen, wenn sie Mekka verlassen haben und sie
während des Pilgermonats in Ihram-Zustand wieder zurückgekehrt
sind. Dies gilt gemäß der Verse :
" Dies
(gilt nur) für diejenigen, deren Angehörige nicht an der heiligen
Kultstätte wohnhaft sind." [al-Baqara(2) :196]
Pilger, die sich keine Opfergaben
leisten können, sollen drei Tage fasten während des Monats von
DHU al-HIDJAH und sieben Tage, nachdem sie wieder zu Hause sind, gemäss
den Anweisungen Allahs in folgender Verse:
"Aber
wenn er es sich nicht leisten kann, soll er drei Tage während des
Hadj und sieben Tage nach seiner Haimkehr Fasten, was insgesamt zehn TAge
ausmacht"
An den bestimmten Orten (MIKAT)
zuziehen die Pilger ihre Ihram-Kleidung
an und sagen:
"Allahuma Labbaika Umra"
1.3.2 Dual (QIRAN)
Personen, die den Wunsch
haben, Umrah und Pilgerfahrt zu kombinieren, sollen ihre Ihram-Kleidung
an den daführ bestimmten Orten (MIKAT) anzuziehen und sagen:
"Allahuma Labbaika Umra wa
Hadsh"
Sie sollen im Zustand des
Ihrams verbleiben, bis alle Pilgerfahrts-Zeremonien beendet sind.
1.3.3 Einfach (IFRAD)
Die Ihram-Einfach (Ifrad)
besteht darin, dass man die Pilgerfahrt durchführt. Eine Opfergabe
(HADI) ist nicht erforderlich.
Muslim, die nur die Pilgerfahrt
durchführen wollen, sollen ihre Ihram-Kleidung an den daführ
bestimmten Orten (MIKAT) anzuziehen und sagen:
"Allahuma Labbaika Hadsh
(Pilgerfahrt)"
Sie sollen im Zustand des
Ihrams verbleiben, bis alle Pilgerfahrts-Zeremonien beendet sind.
Fest- und TASHRIK-Tage
(10.,11.,12. und 13. Tag von Dhu al-Hidjah)
10.
Tag Dhu al-Hidjah
1. Steine werfen an
großer GAMARAT AKABA:

-
Die Pilger brechen dann nach
Mina auf; während sie wiederholend Labbayka rufen; und sie folgen
der Hauptstrasse, die nach großen GAMARAT AKABA, führt, wo sie
sieben Steine werfen , die sie aus Muzdalafa oder aus Mina sammelten.
-
Die Steine sind in der Größe
von einer Kichererbse.

-
Der Pilger hebt seine Hand und
sagt "ALLAH AKBAR" bei jedem Wurf.
-
Es ist eine Sunnah das man so
stehet dabei, dass Maka auf seine linke Seite liegt und Mina auf seine
rechte.
-
Es ist ein Pflicht, dass jeder
Stein in der Schalle runterfehlt. Wenn ein Stein danach raus fehlt (aus
der Schale), ist es immer noch gültig.
-
Wenn ein Stein nicht in die
Schale fehlt oder den SCHACHIS (s.Bild) trifft und dann raus fehlt, ist
diese Wurf nicht gültig. Man muss die dann wiederholen.
2.
Schlachten des Opfers (nur bei Dual und Freude):
-
Das ist nur ein Pflicht
bei Freude-Ihram (TAMATU) und Dual-Ihram (QIRAN). Bei Einfach-Ihram (IFRAD)
gibt es keine Opfergabe!!
-
Nach dem Werfen der Steine in
großer GAMARAT AKABA begeben sich die Pilger zum Schlachtplatz, wo
sie ihre Opfer schlachten, persönlich oder durch Vereinbarung mit
einer anderen Person, die es für ihn verübt.
-
Jeder Ort in Mina ist dafür
geeignet.
-
Es ist eine Sunna von diesem
Fleisch ein Teil zu essen, ein Teil zu verschenken und ein Teil zu spendieren.
-
Man darf schlachten bis zum
Sonnenuntergang des 13. Tages von Dhu al-Hidjah. Es ist nur besser am 10.
Tag (JAUM al-ED) nach dem Steinewerfern zu schlachten, weil der Prophet
a.s.w.s. dies gemacht hat.
-
Wenn man ein Opfertier nicht
leisten kann, muss man 10 Tage fasten. 3 Tage während der Pilgerfahrt
(am besten 11. 12. und 13. Tag) und 7 Tage, wenn man nach Hause zurückkehrt.
3. Das Rasieren oder
Haarschneiden
-
Den letzten feierlichen Ritus
am Tage des Festes, nach dem Darbringen des Opfers, beschließt das
Rasieren oder Haarschneiden. Rasieren ist vorzuziehen, weil der Prophet
a.s.w.s. für jene, die sich rasieren lassen, drei Mal betete, und
für jene, die ihre Haare schneiden lassen, nur ein Mal; indem
er sprach: "ALLAHS Gnade sei über denen, die
sich rasieren" [Bukhari und Muslim]

-
Was Frauen betrifft, ist ein
Haarschnitt genügend.
Nach diesen 3 Aktionen : Werfen
an großer GAMARAT AKABA, Schlachten des Opfers und das Rasieren
oder das Haarschneiden werden alle Ihram-Einschränkungen aufgehoben
bis auf dem sexuellen Vergnügung mit Frauen. Man nennt dies "erste
TAHALUL". Die Pilger wechseln nun ihre Ihram-Kleid in normale Bekleidung
um usw.
4.
TAWAF al-IFADAH
-
Nach dem ersten TAHALUL brechen
die Pilger Richtung Mekka auf, um TAWAF al-IFADAH und Sai'e zwischen Safa
und Marwah durchzuführen. Allah sagte:
"Hierauf sollen sie die (durch den Weihezustand bedingte) körperliche
Reinigung (tafath)
abstellen (und Haare und Nägel schneiden), ihre Gelübde erfüllen
und den Umgang um das
altehrwürdige Haus machen."[al-Hadsch 29]
-
Dabei ist es eine Sunnah, dass
die Männer sich parfümieren. Ais'a r.a.a berichtetet:
"Ich habe dem Prophet s.a.a.w. parfümiert bei der Aufhebung des Ihrams
vor seinem TAWAF
um das Haus" (gemeint die Ka'ba) [Bukhari und Muslim]
-
Bei diesem Tawaf gibt es kein
Al-Idhdiba'!
-
Bei Freude-Ihram (TAMATU) muss
man noch Sai'e machen, weil man den 1. Sai'e für die Umra durchgeführt
hat.
Nach diesem Tawaf und (eventuell
Sai'e bei dem TAMATU-Ihram) werden komplett alle Ihram-Einschränkungen
aufgehoben auch die sexuellen Vergnügung mit Frauen. Man nennt dies
"kompletter TAHALUL".
Es ist eine Sunnah diese
4 Handlungen in dieser Reinfolge, wie beschrieben, durchzuführen,
weil der Prophet a.s.w.s. dies so gemacht hat. Aber man darf die in beliebiger
Reinfolge durchzuführen.
Das
Bleiben in Mina und das Werfen der GAMARAT:
Die Pilger kehren dann nach
Mina, um dort zu bleiben und zu übernachten.
-
Die Pilger müssen mindestens
den 11. 12. Tag in Mina bleiben und übernachten (Die Nacht vom 11.
ist die Nacht nach dem 10. Tages!!!!).
-
Es besteh die Möglichkeit
vor dem Sonnenuntergang des 12. Tages Mina zu verlassen.
"Und gedenket Allahs in einer bestimmten Anzahl von Tagen! Und wenn es
einer eilends in
zwei Tagen abmacht, trifft ihn keine Schuld. Und wenn einer (damit) in
Verzug gerät (und mehr
Zeit benötigt), trifft ihn (ebenfalls) keine Schuld. (Dies gilt?)
für den, der gottesfürchtig ist.
Fürchtet Allah! Ihr müßt wissen, daß ihr (dereinst)
zu ihm versammelt werdet."[al-Baqara 203]
-
Es ist aber besser bis zu 13.
Tag in Mina zu bleiben, wie die o. erwähnte Verse.
-
Während diesen Tagen werfen
die Pilger die 3 GAMARAHT. Zuerst die kleine, dann die mittlere und dann
die Grosse GAMRA; jeweils mit 7 Steine, auch wie oben erwähnte Weise.
-
Es ist eine Sunnah bei der kleinen
und der mittleren GAMRA, dass man sich zu Seite stellt und ein Bittgebet
ausspricht. (Hier gibt es keine spezielle Bittgebete). Bei der große
GAMRA macht man kein Bittgebet, weil der Prophet a.s.w.s dies nicht gemacht
hat.
******
1.3.3 ( Einfach "Ifrad" )
1. Al-Ihram
2. Das erstmalige
Betreten der Haram-Moschee von Mekka
3. Tawaf al-Qudum
(Neuankömmlinge Tawaf)
4. Die Station
Abrahams
5. Das Trinken
von Zamzem-Wasser
6. Sa'y zwischen
Safa und Marwah
7. Hinausgehen
nach Mina und Abgang nach Arafat
8. Die Übernachtung
in Muzdalafa
9. Grosse Gamrat
Akaba
10. Das Rasieren
oder Haareschneiden
11. Erste Tahallul
12. Tawaf al-Ifada
(Komplette Tahallul)
13. Rückkehr
nach Mina und die Gamrat
14. Abschieds
Tawaf
15. Verbotene
Taten in al-Ihram
Die Ihram-Einfach (Ifrad)
besteht darin, dass man die Pilgerfahrt durchführt. Eine Opfergabe
(HADI) ist nicht erforderlich.
1. Al-Ihram:
• An den bestimmten Orten
( MIKAT ) zuziehen die Pilger ihre Ihram-Kleidung an und sagen:
"Allahuma Labbaika Hadsch"
• Der Lautruf von at-Talbiya
Ab al-Ihram fangen die Pilger
mit der Sunnah at-Talbiya. Es ist ein Gebetsruf und lautet:
"labbayka-llahumma labbayk, labbayka la sharika laka labbayk, inna-lhamda
wan-ni'mata laka wal-mulk, la sharika lak"
"Hier stehe ich vor Dir
Allah. Es gibt keinen Vermittler zu Dir, Lob und Gnade sei Dir allein,
dem Besitzenden und dem Schenkenden, da Du keinen Partner hast"
Die Männer sprechen
at-Talbiya lauterweise und die Frauen leiserweise. Sie wiederholen at-Talbiya
bis sie die Ka'ba betreten.
2. Das erstmalige
Betreten der Haram-Moschee von Mekka:
Es gibt kein spezielles Bittgebet,
das man beim Betreten der Haram-Moschee (Ka'ba) spricht außer dem
üblichen Moscheebittgebet, das man immer beim Betreten einer Moschee
spricht.
Man hört mit der at-Talbiya
auf.
Die Männer setzen ihren
Obergewand in dem Form des al-id'diba.
3. Tawaf al-Qudum
(Neuankömmlinge Tawaf):

4. Die Station
Abrahams

Der Pilger besucht die Station
Abrahams. Wenn man da ankommt, sagt man:
Dann verrichtet man 2 Rak'a.
Ist es eine Sunnah im 1. Rak'aa Surat (Al-Kafirun) und im 2. Rak'aa Surat
(Al-Ikhlas) zu zitieren.
Wenn man diese 2 Rak'a bei
der Station Abrahams nicht verrichten kann. Dann kann man diese 2 Rak'aa
woanders in der Mosche der Ka'ba verrichten.
5. Das Trinken
von Zamzem-Wasser
Sobald die Pilger ihre Tawaf
beendet und 2 Rak'a verrichtet haben ist es eine Sunnah, vom Wasser der
Zamzem-Quelle zu trinken.
6. Sa'y zwischen
Safa und Marwah
7. Hinausgehen
nach MINA und Abgang nach ARAFAT
• Am Morgen des achten Tages
von Dhu al-Hidjah (TARWIA-Tag) brechen die Pilger nach Mina auf. Es ist
von Vorteil, Labbayka und Gebete auf dem Wege nach Mina und während
der Wallfahrtszeremonien zu wiederholen.
"labbayka-llahumma labbayk,
labbayka la sharika laka labbayk, inna-lhamda wan-ni'mata laka wal-mulk,
la sharika lak"
"Hier stehe ich vor Dir
Allah. Es gibt keinen Vermittler zu Dir, Lob und Gnade sei Dir allein,
dem Besitzenden und dem Schenkenden, da Du keinen Partner hast"

• Wenn sie in Mina sind,
beten sie den :
7. Abgang nach
Arafat
8. Die Übernachtung
in Muzdalafa
9. Fest- und TASHRIK-Tage
1. Grosse Gamrat Akaba
2. Das Rasieren oder Haare
schneiden
3. Erste Tahallul
4. Tawaf al-Ifada (Komplette
Tahallul)
5. Rückkehr nach Mina
und die Gamrat
10. Abschieds
Tawaf:
• Wenn ein Pilger nach Hause
zurückkehrt muss er ein Abschiedes Tawaf machen; und Mekka sofort
verlassen. Ibn Ab'bas berichtete:
"Die Menschen wurden befohlen,
ihre letzte Handlung im Haus (Kaba gemeint) Tawaf zu sein. Aber die Frauen,
die ihre Periode haben sind nicht verpflichtet"
• Bei diesem Tawaf gibt
es kein Al-Idhdiba'!
• Die Frauen, die ihre Tage
haben, müssen diesen Tawaf nicht machen.
( entnommen aus www.as-sunnah.de
)
Hadsch
– (die Pilgerfahrt) und ihre Bedeutung
(von Ali Schariati)
VORWORT :
Hadsch (die Wallfahrt nach
Mekka) ist eine der religiösen Grundpflichten eines jeden Moslem.
Nach koranischem Gebot (Koran 3/97) ist jeder volljährige Moslem verpflichtet,
wenigstens einmal in seinem Leben die Wallfahrt nach Mekka zu verrichten,
sofern er dazu imstande ist und die Möglichkeit hierzu hat. Mit der
Wallfahrt nach Mekka wird der Moslem auf die Ursprünge des Islam verwiesen
und dorthin geführt, wo die koranische Offenbarung herabgesandt worden
ist. Im Jahre 632 n. Chr. pilgerte der Prophet Mohammad (s.a.s.) nach Mekka.
Die Riten, die er bei dieser Wallfahrt vollzogen hat, gelten als verbindlich
für die Pilger aller Zeiten.
Ziel der Wallfahrt ist in
erster Linie die Kaaba, die von Abraham und seinem Sohn Ismael als Haus
Gottes und der Menschen erbaut wurde (Koran 2/124 - 129). Die Wallfahrt
ist nur gültig, wenn die Pilger sich den Bedingungen eines besonderen
Weihezustandes (Ihram) unterwerfen und die obligatorischen Wallfahrtsrituale,
die im folgenden tabellarisch aufgeführt werden, an den festgelegten
Tagen des Monats Zu I-Hidscha vollziehen.
1. Ihram (Weihezustand)
Vor dem Betreten mekkanischen
Bodens muß der Pilger an bestimmten, Miqat genannten Treffpunkten
seine Absicht bestätigen, die vorgeschriebene Wallfahrt zu vollziehen.
Diese Absicht wird ebenfalls vor jeder Handlung während des Hadsch
bekundet. Dann versetzt er sich auch äußerlich in den Weihezustand,
indem er Waschungen und weitere Reinigungsriten vollzieht, seine Kleider
ablegt, zwei ungenähte weiße Tücher anlegt (eins um die
Hüften und eins um die Schultern geschlungen) und zwei Gebetseinheiten
verrichtet. Bis zum Ende der eigentlichen Wallfahrt hat der Pilger alle
Handlungen zu vermeiden, die seinen Weihezustand aufheben.
2. Tawaf (Rundlauf um
die Kaaba)
In der Heiligen Moschee in
Mekka beginnt der Pilger mit dem siebenmaligen Umlauf um die Kaaba.
Die Kaaba befindet sich
„ Bei dieser Beschreibung
handelt es sich um Hadsch-Tamattu während des Rundlaufs zu seiner
Linken. Der Umlauf beginnt an dem in einer Ecke eingemauerten Schwarzen
Stein und endet auch dort.
3. Tawafgebet
Nach dem Umlauf um die Kaaba
verrichtet der Pilger zwei Gebetseinheiten an der Stätte Abrahams.
4. Sa’y (Streben)
Nach dem Tawafgebet begibt
sich der Pilger nach Masaa. Masaa ist die Entfernung zwischen den beiden
Hügeln Safa und Marwah. Der Pilger läuft eiligen Schrittes zwischen
diesen Hügeln dreimal hin und zurück und noch einmal hin (Koran
2/158).
5. Taqsir (Kürzung)
Nach der Verrichtung des
Sa’y werden entweder die Fingernägel geschnitten oder das Haar ein
wenig gekürzt. Es wird empfohlen, beides zu tun. Danach ist der Weihezustand
teilweise aufgehoben.
6. Arafat
Am 8. Zu I-Hidscha
versetzen sich die Pilger wieder in den Weihezustand und ziehen
in Gruppen zu dem etwa fünfundzwanzig Kilometer von Mekka
entfernten Berge Arafat. Am 9. Zu I-Hidscha
müssen sie sich vom Mittag bis zum Sonnenuntergang in Arafat aufhalten.
7. Maschar
Nach Sonnenuntergang verlassen
die Pilger Arafat wieder und ziehen nach Maschar (Muzdalifa),
wo sie bis zum Sonnenaufgang des 10. Zu I-Hidscha verweilen. Den
kurzen Aufenhalt in Maschar nutzen die Pilger u. a. dazu, 49 bzw. 70 Steinchen
zu sammeln.
8. Mina
Nach dem kurzen Aufenthalt
in Maschar setzen die Pilger ihre Wanderung fort, so daß sie nach
Sonnenaufgang die Grenze zu Mina überschreiten. Dort steinigen sie
symbolisch den Satan, indem sie 7 Steinchen auf eine
Dschamarah al-Aqba genannte Säule werfen. Darauf
werden Opfertiere geschlachtet. Das in der islamischen Welt
gefeierte Opferfest ( Id al-Adha) erinnert an das Opfer Abrahams (Koran
37/107; 2/1241 und wird am 10. des Monats Zu I-Hidscha begangen.
Im Anschluß daran
wird das Haar geschoren bzw. gestutzt und der Weihezustand ist teilweise
aufgehoben.
9. Tawaf
Nun begeben sich die Pilger
erneut nach Mekka, vollziehen einen weiteren siebenmaligen Rundlauf um
die Kaaba und verrichten zwei Einheiten des Tawafgebets.
10. Sa’y und Abschlußtawaf
Der Lauf zwischen Safa und
Marwah wird wiederholt. Danach wird ein Abschlußtawaf um die Kaaba
verrichtet, an den zwei Gebetseinheiten anschließen.
Die Pilger kehren noch am 10. Zu I-Hidscha
nach Mina zurück, wo sie die Nacht des 10. und 11. Zu I-Hidscha verbringen
müssen. Am 11. und 12. Tag haben sie jeweils 7 Steinchen auf die oben
genannte und zwei weitere Säulen zu werfen. Damit ist die vorgeschriebene
Pflichtwallfahrt beendet.
Wer freiwillig auch am 13.
Tag noch in Mina verweilt, muß den Steinigungsritus noch einmal wiederholen.
Die Pilger bleiben üblicherweise
noch ein paar Tage in Mekka und nutzen diese Gelegenheit
zu weiterer Andacht und zu Diskussionen über
die Angelegenheiten der Moslems der Welt.
Zahlreiche islamische Gelehrte
haben sich mit Hadsch und der Bedeutung der einzelnen Wallfahrtshandlungen
beschäftigt und versucht, sie aus religiöser,
gesellschaftlicher, politischer und mystischer Sicht zu interpretieren.
Einer dieser Versuche ist die beachtliche Abhandlung Ali Schariatis über
die Hadsch-Rituale.
Schariati hält
die konkreten Handlungen des Hadsch für eine
symbolische Sprache, deren Ausdrucksform nicht Worte, sondern Bewegungen
sind. Die zielgerichteten Bewegungen der
Pilger sollen die Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte der Menschheit,
das Sein und Werden des Menschen in der Gemeinschaft, seine ständige
Entwicklung in der Zeit unter einer bestimmten Ordnung und Harmonie, den
Primat der Gemeinschaft und die Bedeutung der bewußten gemeinsamen
Bewegung zur absoluten Unendlichkeit und zur unendlichen Vollkommenheit
- zu Gott -versinnbildlichen. Seine Sprache entspricht dieser Absicht.
Mit kurzen Sätzen beschreibt er in eindringlichem
Verbalstil den Entwicklungsgang des Menschen, den er hier fortwährend
als Mekkapilger anredet, zum höchsten und
unerreichbaren Ziel.
Die Pilger sind
die Protagonisten des Schöpfungsdramas und stellen jeweils
Adam, Abraham und Hajar in Antagonismus zum Satan dar. Orte des Geschehens:
Heilige Stätte, Heilige Moschee, Masaa, Arafat, Maschar, Mina; Symbole:
Kaaba, Safa, Marwah, Tag und Nacht, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang,
Götzen und Opfertier; Kostüme: Ihram.
Hadsch ist der Ruf nach Aufbruch.
Das Leben ist eine Bewegung
im Kreis, in einem Teufelskreis, ein sinnloses und sich wiederholendes
Kommen und Gehen. Die sichtbare Veränderung: Altwerden, und das tatsächliche
Ergebnis: Verfaulen. Eine eintönige und törichte Auf- und Abwärtsbewegung;
Qualen, die an Sisyphus erinnern. Der Tag leitet die Nacht ein und die
Nacht den Tag. Sie nagen wie schwarze und weiße Ratten an den Fäden
unseres Lebens, bis wir sterben.
Das Leben ist ein Schauspiel,
bei dem sich die Tage und Nächte ohne Sinn und Ziel ablösen.
Ein Spiel ohne Ende! Bist Du in Not, mußt Du Dich abmühen, leiden,
hoffen und warten. Erreichst Du Dein Ziel, so erscheint Dir alles nichtig
und sinnlos. Welch eine Lebensphilosophie: Absurdität, Nihilismus!
Hadsch ist Deine Rebellion
gegen diesen törichten Zwang, gegen das verhängnisvolle Schicksal
des Sisyphus, Deine Befreiung von Schwankungen und Zweifeln und einem Lebenskreislauf,
in dem produziert wird, um zu konsumieren, und konsumiert wird, um zu produzieren.
Hadsch weist Dir den Weg
aus dem Labyrinth Deines Daseins.
Durch Deine revolutionäre
lntention öffnet sich der geschlossene Kreis und wird zu einer geraden
Linie, die Dich zur Ewigkeit und zu Ihm führt.
Wandere aus Deinem Haus aus
und begib Dich zum Hause Gottes, ja, in das Haus der Menschen. Und wer
auch immer Du heute bist, Du warst ein Mensch, ein Kind Adams, aber die
Geschichte, das Leben und die unmenschliche Gesellschaftsordnung haben
Dich in ein niederes Geschöpf verwandelt und Dich Dir selbst und Deiner
göttlichen Natur entfremdet. Du warst Stellvertreter Gottes auf Erden,
Sein Gesprächspartner und Sein engster Vertrauter. Du warst
Herr über die Natur und Angehöriger Gottes. Der Geist Gottes
war Dir eingegeben, Du warst Sein Schüler. Er lehrte Dich alle Namen
und lehrte Dich, indem Er Dir das Schreibrohr in die Handgab (Koran 96/4).
Er schuf Dich nach Seinem Ebenbild .
Als Er Dich schuf, rühmte
Er sich Seines Werkes und wies Seine ihm nah- und fernstehenden Engel an,
sich vor Dir niederzuwerfen und Dir zu gehorchen. In Deine Hand gab Er
Himmel und Erde.
Er kam zu Dir, legte die
Last der Verantwortung vertrauensvoll auf Deine Schultern, schloß
mit Dir einen Bund, brachte Dich auf die Erde, zog in Dein Wesen ein, wohnte
Dir inne und wartete darauf, was Du tun wirst3. Und Du machtest Dich
auf, beschrittest den Weg der Geschichte, die Verantwortung auf Deinen
Schultern lastend, im Bunde mit Gott stehend, die von Ihm gelernten Namen
in Deinem Herzen und in Dir, in Deinem Dasein der Geist Gottes.
Und die Zeit ist Dein ganzes
Kapital . . . Wie hast Du Dein Kapital genutzt? Davon hast Du nur Deinen
Lebensunterhalt bestritten.
Und Deine Leistung im Leben?
Schädigung, nicht nur Gewinnausfall, sondern Schädigung des Eigenkapitals:
Ein sicherer Untergang und Bei der Zeit! Der Mensch kommt (mit seinem gottlosen
Hande/nl bestimmtzu Schaden (Koran 103/1 und 2).
Und das nennst Du Leben?
Was hast Du bislang getan? Nur gelebt!
Was hast Du erreicht? Viele
wertvolle Jahre habe ich verloren! Was ist aus Dir geworden?
Du, das Ebenbild und der Treuhänder Gottes, dem die Engel
huldigten und der Stellvertreter Gottes auf Erden ist.
Geld, Sinnlichkeit, Begierde
und Lüge bestimmen Dein Leben! Du bist zu einer Bestie geworden! Du
bist leer und hohl! Nein, Du bist voller Schlamm und sonst nichts! Dein
Leib war am Anfang ein Schlamm, ein stinkender Schlamm (Koran 15/26), dem
Gott Seinen Geist eingab. Wo ist nun dieser erhabene Geist, die Seele Gottes?
Du, die Krähe, die verschlammte Leiche, der verfaulte Leib, erhebe
Dich aus dem Morast Deines Daseins, aus dem Sumpf Deines Lebens und brich
zu neuen Ufern auf! Kehre dieser Stadt, diesem Garten, dieser Oase, ja,
diesem Schandfleck den Rücken, ziehe durch die sonnige Wüste
der Halbinsel, durch die glühende Sandwüste unter einem Himmel,
von dem Offenbarungen herabkommen. Wende Dein Gesicht Gott zu, spiele Dein
Klagelied wie eine Schilfrohrflöte, ausgedörrt, verblaßt
und hohl; beklage die Trennung, die Verbannung und die Fremde. Den Fremden
und Feinden hast Du mit Deinen Liedern Freude bereitet. Nun komme zu Dir
und stimme Dein Klagelied an!
Die Zeit der Wallfahrt
Nun ist es soweit, der Augenblick
der Begegnung ist gekommen!
Es ist die Zeit des Hadsch,
der Monat der Wallfahrt, der Monat der Geborgenheit, des Respekts und der
Verbote. Die Schwerter stecken in der Scheide, das Kriegsgeschrei von Roß
und Reiter ist verstummt, Krieg, Haß und Furcht sind vorbei, Friede,
Andacht und Sicherheit sind auf der Erde eingekehrt. Die Geschöpfe
suchen die Begegnung mit ihrem Schöpfer. Dies muß in einer bestimmten
Zeit geschehen. Auch zu Gott soll der Mensch in Gemeinschaft mit anderen
gehen. Hörst Du nicht die Stimme Abrahams auf Erden?
Sie ruft: Und rufe unter
den Menschen zur Wallfahrt auf, damit sie (entweder zu Fuß zu Dir
kommen oder auf allerlei hageren (Kamelen reitend), die aus jedem tief
eingeschnittenen Pal3weg daherkommen (Koran 22/27).
Und Du Schlamm suche nach
dem Geist Gottes und frage Ihn danach. Ziehe aus aus Deinem Haus und begib
Dich zu Ihm, Er erwartet Dich in Seinem Haus und ruft Dich zu sich. Folge
Seinem Ruf!
Du bist ein Nichts und kannst
Du werden auf dem Wege zu Ihm (Koran 35/12).
Die Zeit ist gekommen, befreie
Dich von Deinem unwürdigen, schändlichen und kleinlichen Leben
- der Welt -, aus der erdrückenden und verschlossenen Festung Deiner
Individualität - Deines eigenen Ich - und begib Dich zu Ihm als Zeichen
der ewigen Auswanderung des Menschen, Deines unaufhörlichen Werdens
auf dem Wege zu Gott. Begib Dich auf die Wallfahrt!
Begleichung der Schulden,
Bereinigung von Missstimmungen, Überwindung des Ärgers, Bitte
um Vergebung, Regelung der Lebens und Vermögensverhältnisse vor
der Wallfahrt kündigen den Tod an, als ob Du eine Reise ohne Wiederkehr
antrittst. Es erinnert an den letzten Abschied, es ist ein
Hinweis auf das menschliche Schicksal, ein Ausblick auf die Trennung von
allem und die Hinwendung zur Ewigkeit, also der letzte Wille, das heißt,
die Vorbereitung auf den Tod; auf den Tod, der Dich zwangsläufig holen
wird. Nun begib Dich auf die Wallfahrt! Brich auf zur Ewigkeit, zur Begegnung
mit Gott. Am Jüngsten Tag, wenn Du nichts mehr tun kannst, vor dem
Gericht, wo von Deinem Gehör, Gesicht und Herz für all das Rechenschaft
verlangt wird (Koran 17/36), ist es schon zu spät. Du und Dein Körper
werden zur Rechenschaft gezogen. Du bist zu einem schutzlosen Opfer Deiner
grausamen Handlungen geworden, bereite Dich auf die Reise in die Welt der
Rechenschaft vor, solange Du noch in der Welt des Wirkens weilst.
Übe das Sterben, stirb,
bevor Du stirbst, wähle jetzt symbolisch den Tod! Nimm Dir vor zu
sterben, nimm Abschied von dieser Welt! Begib Dich auf die Wallfahrt!
Hadsch ist das Symbol der
Rückkehr zu Ihm, der die absolute Ewigkeit und Unendlichkeit ist,
der keine Grenzen hat und dem nichts gleicht.
Die Rückkehr zu Ihm
ist der Aufbruch des Menschen zur absoluten Vollkommenheit, Güte,
Schönheit, Macht, Allwissenheit und Wahrheit. Es ist ein Wandern zum
Absoluten, eine Bewegung zur absoluten Vollkommenheit, eine ewige
Bewegung. Du bist in einem ständigen Werden begriffen,
in einer nie endenden Bewegung. Gott ist kein erreichbares Ziel, Er ist
ein Ziel in der Unendlichkeit, Er ist nicht das Endziel auf Deiner Reise,
Deine Reise ist Dein ewiges Wandern auf einem Weg, der kein Ende findet.
Es ist ein Weg in die Unendlichkeit. Es ist ein absolutes Wandern. Bei
Deinem Werdegang in der Welt der Seienden, bei Deinem ständigen Wandern
und Werden ist Er nicht der Endpunkt, sondern der Richtungweisende.
Keine Mystik (aufgehen in
Gott, eins werden mit Gott), sondern Islam (auf Gott zugehen).
Wir gehören Gott, und
zu lhm kehren wir zurück (Koran 2/156).
Alle Dinge kehren zu Gott
zurück (Koran 42/53).
Es ist Pilgerzeit,
die Zeit der Begegnung ist näher gerückt, gehe zum Sammelpunkt,
gehe zum Miqat, Dich hat Er zu sich gerufen, der Augenblick der Begegnung
ist gekommen, hier ist Miqat. Du aus Erde, triff Dich mit Gott!
Du hattest mit Gott
den Bund geschlossen, Ihn allein anzubeten und gegen alle anderen außer
Ihm zu rebellieren.
Du, der Verlierer im Spiel
des Lebens, das Opfer der Tyrannei, der Unwissenheit, des sklavenhaften
Untergangs, der Erniedrigung und der Not, Du bist von Deinen Ängsten
und Deiner Habgier zerstört worden. Das Leben, die Gesellschaft
und die Geschichte haben Dich zum Wolf, zum Fuchs, zur Ratte oder zum Schaf
werden lassen.
Es ist soweit, gehe auf die
Wallfahrt, gehe zum Miqat, dort begegnest Du, wie verabredet, dem größten
Freund des Menschen, der Dich als Mensch erschuf! Verlasse die Stätte
der Macht, die Schätze des Reichtums, die Tempel des Leides und der
Erniedrigung, befreie Dich von dieser Schafherde, deren Hirte der Wolf
ist, fass den Vorsatz, ihnen zu entfliehen und im Hause Gottes, im Hause
der Menschen Zuflucht zu nehmen. Gehe auf die Pilgerfahrt!
Weihezustand in Miqat
Das Schauspiel beginnt. Du
bist hinter den Kulissen und möchtest zu Ihm. Du bist zum Sammelpunkt
gekommen. Nun mußt Du Dich umziehen, denn Deine Kleidung verhüllt
Dich, Dein menschliches Selbst, ja, Deine Menschlichkeit. Das Menschliche
in Dir bleibt verborgen und Du trittst im Gewande eines Wolfes, eines Fuchses,
einer Ratte oder eines Schafes auf. Diese Kleidung ist eine Täuschung,
sie ist eine Kufr, die Verschleierung der Wahrheit.
„Die Gottesfürchtigen
befinden sich in Gärten und an Bächen, auf einem guten Sitzplatz
in Gegenwart eines mächtigen Königs“ (Koran 54/ 54, 55).
Kleider sind Statussymbole,
sie verschleiern, täuschen vor und deuten den Rang und die Stellung
an. Das Kleid, dessen Farbe, Muster und Qualität heben das lch hervor,
und dieses lch heißt nicht Du, nicht Ihr, nicht Wir, sondern nur
Ich. Diese Ich-Bezogenheit ist eine Diskriminierung, eine Abgrenzung, ja
eine Spaltung.
Mit dem Ich wird nicht der
Mensch hervorgehoben, sondern die Rasse, die Sippe, die Klasse, die Gruppe,
die Familie, der Rang, die Stellung und das Individuum. Im Reiche der Menschen
gibt es viele Grenzen. Die Henker der Geschichte, die
Abkömmlinge Kains, machten sich über die Kinder Adams her und
spalteten die in Einheit und Eintracht lebenden
Menschen in Herren und Knechte, Herrscher und Beherrschte,
Satte und Hungrige, Reiche und Arme, Meister und Diener,
Tyrannen und Unterdrückte, Kolonialherren und Kolonisierte,
Ausbeuter und Ausgebeutete, Betrüger und Betrogene, Starke und Schwache,
Verführer und Verführte, Besitzer und Besitzlose, Adelige und
Bürgerliche, Geistliche und Weltliche, Auserwählte und Gemeine,
Freie und Unfreie, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Glückliche und Unglückliche,
Weiße und Schwarze, Westliche und Östliche, Zivilisierte und
Unzivilisierte, Araber und Nicht-Araber.
Die Menschen wurden in Rassen,
die Rassen in Nationen und sie wiederum in Klassen eingeteilt.
Die Klassen spalteten sich in Schichten, Gruppen, Familien
und diese wieder in Personen, wobei Titel, Rang, Stellung, Ansehen und
dergleichen immer mehr hervorgehoben wurden bis zu jenem Individuum, dem
Ich, das sich in dieser Kleidung verhüllt hat.
Lege sie in Miqat ab, ziehe
das Leichentuch an, verwische die Farben, ziehe Dich weiß an, sei
wie die anderen, werde Wir. Streife das Ich von Dir ab wie eine Schlange
ihre Haut, sei mit den Menschen, werde ein Teilchen unter vielen, wie ein
Tropfen in einem Meer. Du bist nicht allein am Sammelpunkt erschienen,
Du bist ein Strohhalm in Miqat. Werde zu einer Existenz,
die ihre Sterblichkeit spürt, oder zu einer Sterblichkeit, die sich
ihrer Existenz bewusst ist. Stirb, bevor Du stirbst! Entledige Dich der
Kleider des Lebens, lege das Gewand des Todes an, denn hier befindest Du
Dich in Miqat. Wer Du auch bist, was auch immer für Verzierungen,
Auszeichnungen und Farbenpracht das Leben Dir beschert und Dich zum Wolf,
zum Fuchs, zur Ratte oder zum Schaf gemacht hat, entledige
Dich ihrer in Miqat. Werde ein Mensch, so wie Du am Anfang warst: ganz
Adam! Werde so, wie Du am Ende sein wirst: ganz tot!
Lege ein zweiteiliges Gewand
an, ein Teil um Deine Schultern und ein weiteres um Deine Hüften,
weiß, ungemustert, ungenäht, schlicht, ohne Hinweis auf Deine
Person und ohne daß Du Dich von anderen unterscheidest.
Zu Beginn der Reise
zum Hause Gottes lege das Gewand an, das Du am Anfang Deiner Reise zu Gott
tragen mußt.
Hier ist Miqat, der Sammelpunkt
der Reisekarawanen aus allen Himmelsrichtungen auf dem Wege zum Hause Gottes,
eine erstaunliche Bezeichnung für einen Ort. Der Raum wird mit einem
Zeitbegriff ausgedrückt. Was bedeutet das? Heißt das, daß
auch im Raum Bewegung herrscht? Heißt das, daß alles Zeit ist?
Heißt es also auch, daß Raum Zeit ist? Bedeutet das nein zum
Stillstand?
Ja, denn der Mensch ist
doch kein Sein, sondern ein Werden auf dem Wege zu Gott, und zu Gott führt
das Werden (Koran 24/ 42).
Erstaunlich, alles ist Bewegung,
Vollkommenheit, Leben und Tod, alles sind Gegensätze, Veränderungen
und Richtungen. Alle sind dem Untergang geweiht, nur derjenige nicht, der
sich Ihm zuwendet (Koran 28/ 88).
Und Gott, das absolute Sein,
die absolute Vollkommenheit, die absolute Ewigkeit und die absolute Absolutheit,
Er ist jeden Tag mit etwas beschäftigt (Koran 55/29).
Hadsch ist Bewegung,
Aufbruch zu einem Ziel, ein Zeichen der Rückkehr des Menschen zu Gott.
Begrabe Deine Ichs, beerdige dort Dein Selbst, sei Zeuge Deines eigenen
Sterbens, pilgere zu Deinem eigenen Grab, bestimme Dein endgültiges
Schicksal selbst und stirb in Miqat.
Erlebe Deine Auferstehung
in der Wüste zwischen Miqat (Sammelpunkt) und Miad (Treffpunkt). Die
Szene erinnert an den Tag des Gerichts. Überall, soweit das Auge reicht,
bewegt sich eine reißende weiße Flut von Menschen im Todesgewand.
Keiner erkennt den anderen wieder, keiner findet also sein Selbst wieder,
denn das Ich ist in Miqat geblieben; sie alle sind die Inkarnation der
auferstandenen Seelen, die keine Klassen, Rassen und Standesunterschiede
kennen. Es ist ein Zusammenscharen, eine Verschmelzung der Menschen zu
einer Einheit, eine menschliche Verkörperung der göttlichen Einzigkeit,
eine Auferstehung in Angst, Begeisterung, Aufregung, Entzückung und
Verwunderung; jeder bewegt sich wie ein winziges Teilchen in einem Magnetfeld;
Gott in Qibla (Gebetsrichtung) ist die Anziehungskraft. Nur der Mensch
ist von Bedeutung, sonst nichts. Nur Gott ist richtungweisend und kein
anderer. Alle Nationen, Völker und Gruppen sind in der Wüste
zu einem einzigen Stamm verschmolzen, mit einer einzigen Qibla im Dasein,
im Leben.
Lege Deine Kleidung ab! Entledige
Dich aller Dich von anderen unterscheidenden Kennzeichen! Tauche
in der Menschenmenge unter und vergiß in dem Gewühl der Auferstandenen
alles, was Dir das Leben beschert hat, was Dich an Dein Selbst und Deine
Lebensordnung erinnert! Entsage allem und lege Dir lhram8 an. In Miqat
gehen Ichs in Wir auf. Jeder streift seine Unarten ab und wird zum Menschen.
Auch Du begräbst Deine Individualität und wirst ein Teil der
Glaubensgemeinschaft, denn wenn Du Dich von Deinem Ich befreist, Dein Selbst
verleugnest, in Wir aufgehst, wirst Du selber zu einer Gemeinschaft, wie
Abraham eine gewesen war.
Nun bist Du aufgebrochen,
um ein Abraham zu werden. Einer wird alle und alle werden einer. Alle werden
eins. Eine polytheistische Gesellschaft gelangt zum Monotheismus.
Sie wird zu einer Ummah:
Umm heißt Vorsatz, Aufbruch zu einem Ziel, zu einer Qibla; Ummah
ist eine Gesellschaft, die in Bewegung ist, eine Gesellschaft, die im Werden
begriffen ist - nicht zum Zwecke des Wohlstandes, sondern der Vollkommenheit,
nicht für Ruhe, sondern für Bewegung.
Nun seid Ihr, Du und Deinesgleichen,
also andere lchs, nein, vielmehr die Nichts, aus allen Himmelsrichtungen,
Eurem Selbst entsagend, zu Gott hingezogen, den schlammigen Sumpf zurücklassend,
dem Geiste Gottes zugewandt, die Verbannungsorte der Erde verlassend, den
Blick auf das Jenseits gerichtet, dem Relativen und den Interessenzwängen
entflohen, auf der Suche nach dem Absoluten und der Wahrheit, der Unwissenheit
und Tyrannei den Rücken kehrend, der Bewußtheit und der Gerechtigkeit
zugewandt und schließlich die Vielgötterei überwunden habend,
auf dem Wege zu dem einzigen Gott in Miqat angekommen, habt das lhram(
Weihe-Zustand) angelegt und seid einander zum Verwechseln ähnlich
geworden. Es ist solch ein Menschenauflauf, bei dem der Fremde für
den Freund und der Unbekannte für den Verwandten gehalten wird. Jeder
kann die Schuhe des anderen tragen, jedes lhram kann Deins sein.
All diese Menschen,
die seit Jahren das Menschsein vergessen hatten und von Macht besessen
waren, die ihr Hab und Gut, ihren Ruhm und ihre Stellung, also ihr Besitztum
mit ihrer Existenz gleichsetzten und sich mit ihrem Rang und Titel identifizierten,
haben nun zu sich zurückgefunden. Sie sind wieder zu Menschen geworden,
zu einem einzigen Menschen mit einer einzigen Eigenschaft: Hadschi (Wanderer
mit einem festen Vorsatz - der Pilger).
Niya (Absichtserklärung)
Du stehst an der Eingangsschwelle
und willst beginnen. Nun mußt Du vor allen Dingen Deine Absicht erklären.
Welche Sinnbereiche erfaßt das Wort Niya? Vorhaben, Ortswechsel,
Zustandsänderung, weite Wege zurücklegen, mästen (Kamele),
befriedigen (Bedürfnisse), Ausreifung der Dattelkerne, sich niederlassen,
Fahrtrichtung, Vorsatz, Absicht, Wille, Willensrichtung,
Bedürfnis und Geheiß.
Navi (Nomen Agentis): der
sich auf Umwälzung Vorbereitende; der für den Glauben eines Volkes
und das Schicksal einer Gemeinschaft Verantwortliche. Du bist in Miqat
an der Schwelle einer großen Veränderung, einer revolutionären
Umwälzung, eines Überganges von Deinem Haus in das Haus der Menschen,
vom Leben zur Liebe, von Dir selbst zu Gott, von der Versklavung zur Freiheit,
von Zwietracht, Scheinheiligkeit, Standesdünkel und Rassendiskriminierung
zu Aufrichtigkeit und Freundschaft, von der Verborgenheit zur Offenheit,
vom täglichen Gewand zum ewigen, vom Gewand der Selbstsucht, der Fahrlässigkeit
und Zügellosigkeit zum Umhang der Hingabe, des Verantwortungsbewusstseins
und des Ihram.
Fasse den Vorsatz, reife
wie die Datteln innerlich aus, säe die Saat der Erkenntnis in Dein
Bewusstsein, erfülle die hohle Schale, Dein Inneres, sei nicht träge,
bilde einen Kern, umschließe mit Deinem Dasein den Kern Deines Glaubens,
höre auf, eine Luftblase zu sein, existiere! Entzünde eine Flamme
in Deinem finsteren Herzen, leuchte, sei erfüllt vom Lichte des höchsten
Wesens, fließe über, sei außer Dir und finde zu Deinem
wahren Selbst zurück! Du, der ewig Ignorante, erkenne Gott und seine
Geschöpfe, gelange zur Selbsterkenntnis. Du warst immer und überall
das Werkzeug und wurdest benutzt. Du hattest keine Wahl, die Arbeit wurde
an Dich herangetragen, Du mußtest sie aus Gewohnheit, Tradition oder
Zwang verrichten. Nun verkünde Deine Absicht, wähle bewusst und
frei den neuen Weg, die neue Richtung, die neue Arbeit,
das neue Dasein und
das neue Selbst!
Beten in Miqat
Nun befindest Du Dich in
Miqat. Du verkündest Deine Absicht und beginnst die Wallfahrt. Du
fühlst, was Du auf Dich genommen hast, weißt, was Du tust und
warum. Du legst Deine Kleidung ab, schüttelst alles ab, legst das
Ihram an, verrichtest das Ihram-Gebet. Es ist Deine Hingabe an Gott in
Deinem neuen Gewand, das heißt: nicht der Götzendiener, der
Sklave von Nimrod, steht vor Dir, mein Gott, sondern ich in Gestalt Abrahams.
Das heißt, ich bin mir meines Schicksals bewußt; ich bin nichts
und doch alles, weil ich Dir folge. Ich habe mich durch Rebellion von all
dem befreit, was mit Dir nichts zu tun hat; ja, so weit bin ich mir meines
Schicksals bewußt. Nun wähle ich dieses Schicksal und bereite
mich darauf vor.
Das Gebet in Miqat, in dem
weißen, dem Totenhemd ähnlichen Ihram an der Schwelle der Begegnung
nimmt seltsame Züge an.
Alles bekommt einen anderen
Sinn. Die Worte hören sich an, als ob sie zum ersten Male ausgesprochen
werden. Sie sind keine Pflichtübung, wir reden mit Ihm. Wir spüren
Seine Gegenwart:
Du, der Barmherzige, Deine
Gnade strahlt wie die Sonne über alle Grenzen unserer Freundschaft
und Feindschaft, unseres Glaubens und unserer Lästerung hinweg, denn
Du bist darüber erhaben, ob wir Deiner Gnade würdig sind oder
nicht. Lob sei Dir, Dir allein werde ich dienen und außer Dir keinen
zum Herrn nehmen, denn Du bist der Herr aller Menschen. Du wirst am Tage
des Gerichts regieren. Ich zerstöre meine Götzen und bete nur
zu Dir. Dich allein bitte ich um Hilfe. Du bist meine einzige Stütze
und der einzige Anbetungswürdige. Durch unsere Unwissenheit
sind wir alle irregeführt worden. Wir sind das Opfer der Unterdrückung
und unserer Schwächen. Wir sind zum Spielball eigener Schwächen
und fremder Mächte geworden. Führe uns den geraden Weg, den Weg
der Rechtschaffenheit, Erkenntnis, Wahrheit, Vollkommenheit,
Liebe, Schönheit, Güte und den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen
hast, nicht aber den Weg derer, die Deinen Zorn auf sich geladen haben
und irregehen.
Jede Verneigung in Miqat,
im weißen Gewand des Jenseits, ist eine Absage an frühere Verbeugungen,
die durch Angst, Habgier oder Verherrlichung motiviert waren. Jeder Kniefall
vor dem Allmächtigen ist die Verweigerung der Unterwürfigkeit
anderen Mächten gegenüber.
Das Gebet in Miqat ist das
Gelübde vor dem einzigen Gott, daß es keine Verneigung vor irgendeinem
außer Ihm geben wird.
Friede sei mit Dir, Mohammad,
Seinem Diener und Gesandten! Die Gnade und der Segen Gottes mögen
Dir zuteil werden, weil Du den Menschen in diesem Leben und auf dieser
Erde so viel Segen gebracht hast.
Friede sei mit uns
und mit den lauteren und rechtschaffenen Dienern Gottes!
Friede sei mit Euch! Hier
sind diese Worte mit Leben erfüllt. Die Pronomen beziehen sich auf
das Nahe, auf die Anwesenden. Keiner ist in Miqat abwesend. Gott, Abraham,
Mohammad, die Menschen, der Geist, die Auferstehung, das Paradies,
die Erlösung, die Freiheit und die Liebe sind allgegenwärtig.
Nun stehst Du da im Gewand
Adams, in dem Gewand der Menschen, der Einheit, in der prachtlosen
Reinheit des Todes, der Auferstehung, und erlebst eine neue Geburt.
lhram!
Aus dem Paradies vertrieben,
durch Satan irregeführt, auf die Erde verbannt, zu Einsamkeit und
den Qualen des irdischen Lebens verurteilt, bist Du nun Adam, beschämt
und Vergebung suchend, zu Gott zurückgekehrt, um zu Dir selbst zu
finden. Du bist nicht mehr fahrlässig und zügellos. Du hast Dir
bewusst und freiwillig Einschränkungen auferlegt; ein Determinismus
nach freier Wahl. Nun bist Du gebunden und verantwortlich, Du bist im Zustand
der Weihe, an einem geheiligten und unverletzlichen Ort, Du befindest Dich
auf dem Wege zu einem Heiligtum in einer geheiligten Zeit, in einem geheiligten
Gewand, ja, an einem Ort der Verbote. Ihram heißt verbieten.
Was wird Dir verboten?
Muharramat (verbotene
Handlungen)
Alles, was an Dich erinnert,
alles, was Dich von anderen trennt, alles, was auf Dein Leben und Deine
Arbeit hinweist, alles, was auf Deine soziale Stellung und Deine Welt hindeutet,
alle Dir liebgewordenen weltlichen Gewohnheiten, alles Unmenschliche, alles
Tagtägliche, alles, was an Dein Leben vor Miqat erinnert, alles, was
Dich mit Deiner vergrabenen Vergangenheit verbindet, ist verboten:
1. Schaue nicht
in den Spiegel, damit Du Dein Bildnis nicht siehst und vergißt, daß
es Dich gibt!
2. Benutze oder
rieche kein Parfum, damit Du nicht an das Leben erinnert wirst, Sehnsüchte
in Dir
nicht wachgerufen und Vorstellungen von weltlichen Vergnügungen nicht
assoziiert werden, denn
hier ist alles von himmlischem Geruch erfüllt, atme es ein und laß
Dich vom Duft der Liebe
betäuben!
3. Gib
keine Anordnungen, erwecke die Brüderlichkeit zum Leben und
übe die Gleichheit!
4. Quäle
kein Tier, auch dann nicht, wenn es ein Insekt ist, vertreibe es nicht,
lebe in der Welt der
Kaiser einige Tage wie Jesus!
5. Reiße
die Pflanzen der geheiligten Erde nicht aus, brich sie nicht ab, lerne
mit der Natur in
Frieden zu leben, töte den Aggressions- und Zerstörungstrieb
in Dir ab!
6. Gehe nicht
auf die Jagd, bekämpfe die Grausamkeit in Dir!
7. Gib
Dich der körperlichen Liebe nicht hin, blicke
nicht begehrlich, damit Du von der
wahren Liebe beseelt wirst!
8. Heirate nicht
und nimm an der Eheschließung eines anderen nicht teil!
9. Schminke
Dich nicht, damit Du Dich so siehst, wie Du bist!
10. Lüge nicht, sei
nicht streitsüchtig und arrogant, fluche nicht!
11. Lege kein genähtes
oder halbgenähtes Gewand an, kein einziger Faden darf an Deinem lhram
sein, um jeden Unterschied und jede Selbstdarstellung zu vermeiden!
12. Trage keine Waffen,
aber wenn es unvermeidlich ist, trage sie nicht sichtbar!
13. Schütze Deinen
Kopf nicht vor der Sonne, denn Sonnenschirme und alle Gegenstände,
die
Schatten spenden, sind verboten !
14. Bedecke die Oberfläche
Deiner Füße weder mit Schuhen noch mit Socken!
15. Trage keinen Schmuck!
16. Bedecke nicht Deinen
Kopf!
17. Schneide nicht Dein
Haar!
18. Gehe nicht in den Schatten!
19. Schneide nicht Deine
Nägel!
20. Benutze keine Cremes!
21. Vergieße weder
eigenes noch fremdes Blut!
22. Ziehe keine Zähne!
23. Schwöre nicht!
24. Bedecke nicht Dein Gesicht
(Frauen)!
Die Wallfahrt hat begonnen;
die Fahrt zur Kaaba! Eile zu Gott im Zustand der Weihe und sprich: Labbaika!
(Hier bin ich). Gott hat Dich gerufen, seinem Ruf folgend, bist Du gekommen
und nun antwortest Du: Labbaika!
Herrgott, hier bin ich, nur
Dir gebührt das Lob, von Dir kommt die Gnade und Dir gehört das
Reich, Du hast keinen Teilhaber. Hier bin ich!
Dieses Eingeständnis
ist gleichzeitig eine Absage an Verdummung, Ausbeutung und Willkürherrschaft
- diese Trinität in der Geschichte - an die Füchse, Ratten und
Wölfe, die die Menschen wie die Schafe regieren, die Schafe Gottes.
Die Stimme Gottes ist in
der Wüste allgegenwärtig. Sie ist zwischen Himmel und Erde überall
zu vernehmen; jeder hört sie und fühlt sich angesprochen, und
jeder ruft aus der Tiefe seines Herzens:
Labbaika, allahumma labbaika!
(Herrgott, hier bin ich).
Wie ein Metallstäubchen
in einem Magnetfeld fühlst Du Dich von einer unwiderstehlichen Kraft
angezogen, Du fühlst Deine Füße nicht mehr. Es ist, als
ob Du getragen wirst und gemeinsam mit anderen wie Vögel in großen
Scharen zum Himmel emporfliegst, auf dem Wege zu Miradsch .
Du näherst Dich der
Kaaba! Je näher Du kommst, desto aufgeregter wirst Du. Wie ein verwundetes
wildes Tier pocht Dein Herz in Deiner Brust. Du hast das Gefühl, daß
Du über Dich hinauswächst. Dein Herz fließt vor Begeisterung
über; Du fühlst Dich, als ob Deine Haut zu eng für Dich
wäre. Deine Augen füllen sich mit Tränen. Langsam
versinkst Du in einer göttlichen Atmosphäre.
Die Gegenwart Gottes fühlst
Du unter Deiner Haut, in Deinem Herzen, in Deinen Sinnen, in Deiner Seele,
im Schimmern eines jeden Sandkörnchens, auf den Felsen, im Tal, im
verschwommenen Horizont und in der Tiefe der Wüste. Nur Ihn siehst
Du und nur Ihn findest Du, weil Er allein existiert, alles andere ist unwirklich.
Es sind Wellen und Schäume.
Die Wüste ist vom Regen der Liebe fruchtbar geworden, hier wirst Du
nicht auf Rosen gebettet, sondern von der Liebe ergriffen. Du bewegst Dich
fort und spürst, wie Du entschwindest. Du entfernst Dich von Dir und
kommst Ihm immer näher. Nun ist Er alles, und Du bist nichts anderes
als eine blasse Erinnerung dessen, was Du in Miqat abgeworfen hast, als
Du befreit von der Last des Ich zum Treffpunkt aufgebrochen bist.
Du spürst, daß
Du nicht mehr bist. Nur die Begeisterung für die Bewegung in eine
einzige Richtung ist von Dir übriggeblieben. Du bewegst Dich vorwärts
und darfst keinen Schritt zurückkehren.
Ihm bist Du zugewandt; Ihn
nimmst Du in Dir auf. Du wirst aufgesaugt wie die Wolken von der heißen
Sonne der Wüste. Die Schöpfung erscheint wie ein pochendes Herz,
Gott ist allgegenwärtig im Raum und in Dir.
Die Wüste ist vom Regen
der Liebe fruchtbargeworden, hier wirst Du nicht auf Rosen gebettet, sondern
von der Liebe ergriffen. In der näheren Umgebung von Mekka angekommen,
findest Du einige Hinweise, welche die Grenze des geweihten Ortes markieren.
Mekka ist ein geweihter Ort (Haram). Krieg und Aggression sind dort verboten.
Wer vor dem Feind flüchtet und in Haram Zuflucht nimmt, bleibt von
der Verfolgung verschont. Jagen, das Schlachten von Tieren, ja sogar das
Ausreißen von Pflanzen ist an diesem Ort verboten. Nach der Eroberung
von Mekka und der Abschaffung des Götzendienstes in der Kaaba hat
der Prophet dieses Gebiet eigenhändig neu markiert und somit eine
alte Tradition über die Unzulässigkeit des Krieges
und des Tötens in diesem Gebiet gewahrt.
Du überschreitest die
Grenze und betrittst das geweihte Gebiet.
Die begeisterten Labbaika-Rufe,
die ihren Höhepunkt erreicht haben, verstummen plötzlich.
Es herrscht eine erwartungsvolle
Stille. Du bist angekommen! Hier ist Er, der Dich gerufen hat. Du bist
in Seinem Haus angekommen. Sei still, still in Seiner Gegenwart, an dem
geweihten Ort, in Gottes Haram.
Erfüllt von der Sehnsucht
nach der Kaaba gehst Du weiter. Nun bist Du in der Stadt. Die von Bergen
umgebene Stadt gleicht einer großen Schüssel. Jedes Tal, jede
Straße und jede Gasse führt zu diesem großartigen
Haus. Dort liegt die Kaaba inmitten der Masdschid
al-Haram. Der Weg führt Dich in zahlreichen Windungen ins Tal hinunter
und bringt Dich der Kaaba näher. Du reihst Dich unauffällig in
die Menge ein und läßt Dich von der Menschenflut zur Masdschid
‚al-Haram treiben. Je weiter Du hinuntersteigst, desto näher
kommst Du dem Erhabenen. Die Erhabenheit, insbesondere die göttliche,
vermuten wir gewöhnlich auf den Höhen. Hier dagegen mußt
Du absteigen, um Ihm näherzukommen. Nur durch Demut und Bescheidenheit
kannst Du Würde und Erhabenheit erreichen. Suche Gott nicht im Himmel
und im Jenseits, sondern auf der Erde und in den Niederungen, in der tiefen
Stofflichkeit des Steines. Du mußt den rechten Weg zu Ihm finden,
ja, Du mußt lernen, richtig zu sehen. Die Fahrt auf diesem Wege symbolisiert
vielleicht das Schicksal des Menschen, seinen Abstieg tief in die Erde
(Begräbnis) und seinen Aufstieg zu Gott (Auferstehung).
Nun ist die Kaaba nicht mehr
weit entfernt. Es herrscht eine feierliche Stille, Du bist in Gedanken
versunken und von Liebe erfüllt. Mit jedem Schritt steigt Deine Erregung.
Du spürst den ständig wachsenden Druck Seiner Gegenwart. Das
Atmen fällt Dir schwer. Gespannt und verwirrt blickst Du mit weit
geöffneten Augen nach vorn. Vor Dir liegt Qibla. Oh, wie schwer ist
doch diese Begegnung! Diese überwältigende Größe
ist nicht leicht zu ertragen. Wird das Dein empfindsames Herz aushalten?
Nach jeder Kurve, die Du
hinter Dir läßt, während Du ins Tal hinuntersteigst, schlägt
Dein Herz höher: Bald ist es soweit! Die Kaaba, der Wegweiser
unseres Daseins, unseres Glaubens, unserer Liebe und unserer täglichen
Gebete. Sie ist richtungweisend für uns auf der Erde und darunter.
Die Lebenden wenden sich ihr zu, wenn sie beten, und die Toten werden in
dieser Richtung begraben. Noch bist Du einige Schritte von ihr entfernt;
bald wirst Du vor ihr stehen.
Die Kaaba
Du stehst an der Schwelle der
Masdschid al-Haram. Nun liegt die Kaaba vor Dir, ein hohler Würfel
mitten in einem geräumigen Hofe, sonst nichts. Ein Schauder des Erstaunens
überfällt Dich plötzlich.
Du wunderst Dich über
das, was Du siehst. Dort ist niemand, dort gibt es nichts zu sehen außer
einem leeren Raum.
Widerstrebende Gefühle
bewegen Dich. Ist das die Richtung unseres Glaubens, unserer Liebe, unserer
Gebete? Ist das unser Wegweiser im Leben und im Tod? Schwarze und unbearbeitete
Steine aufeinander gelegt und die Fugen ungeschickt verstrichen, das ist
alles!
Plötzlich erwachen quälende
Zweifel in Dir. Was ist hier, wo sind wir? Einen Palast in seiner architektonischen
Schönheit hätte ich mir noch vorstellen können. Ich hätte
es verstanden, wenn es sich um einen Tempel mit einer schöpferisch
gestalteten hohen Kuppel voller Schönheit gehandelt hätte, wo
transzendentale Stille und Erhabenheit herrscht, ich hätte es auch
noch verstanden, wenn dies das Grab einer großen Persönlichkeit,
eines genialen Helden, eines Propheten oder eines Imam wäre.
Aber das hier . . . ? Ein
leerer Raum mitten auf dem Platz.
Keine architektonische
Besonderheit, keine Kunst, keine Schönheit,
keine Inschrift Hier gibt es nichts und niemanden. Plötzlich
verstehst Du alles. Du bist froh, daß es hier niemanden und nichts
gibt. Nichts kann Deine Gefühle beeinträchtigen. Die Kaaba erscheint
Dir wie ein hohes Dach, wie eine Startbahn zum Fliegen. Sie beflügelt
Deine Gefühle, welche bald die Kaaba verlassen, um Dich dem Absoluten
und dem Ewigen näher zu bringen.
Hier ist keine Endstation.
Der Schwarze Stein an der Kaaba ist ein Wegweiser. Er zeigt Dir nur die
Richtung. Du bist auf dem Wege zur Absolutheit und zur Ewigkeit; eine ewige
Fahrt zu Ihm hin, nicht nur bis zur Kaaba. Die Kaaba ist nicht das Ende,
sondern der Anfang. Nur Dein Unvermögen, Dein Tod und Dein Stillstand
signalisieren die Endlichkeit. Hier ist jedoch alles Richtungsorientierte
Bewegung.
Hier ist der Treffpunkt,
der Treffpunkt zur Begegnung mit Gott, Abraham, Mohammad und den Menschen.
Und Du? Und hier ist Sein Heiligtum, Sein Haus, das Haus der Menschen.
Das erste (Gottes-J Haus, das den Menschen aufgestellt worden ist, ist
dasjenige in Bakka (Mekka), aufgestellt zum Segen und zur Rechtleitung
für die Menschen in aller Welt. Nun bist Du an Deinen wahren
Geburtsort heimgekehrt.
Die Menschen, die Familie
Gottes, sind hier zu Hause. Und Du, egozentrisch wie Du bist, bleibst ein
Fremder ohne Bindungen, ein Außenseiter ohne Hoffnung, ein Obdachloser
ohne Zuflucht. Entledige Dich Deiner Ichsucht, lege sie an der Tür
ab. Betrete das Haus, sei ein Mitglied der Familie. Hättest Du das
Ich schon in Miqat begraben, wärest Du ohne weiteres in
diesem Haus als Freund, als Verwandter, als Mitglied der Familie Gottes
aufgenommen worden, hättest Du die Anwesenheit Abrahams an der Türschwelle
gespürt, dieses ältesten Rebellen der Geschichte, des Lästerers
gegen die irdischen Götter, des großen Verliebten und des ergebensten
Dieners des einzigen Gottes. Eigenhändig baute er dieses Haus. In
seiner Bauart ist es ein Zeichen Gottes auf Erden. Die schwarzen Steine
sind aus dem in der Nähe von Mekka gelegenen Berg Ajun herausgeschlagen
und ohne jede künstlerische Gestaltung aufeinander gelegt worden.
Seine Bezeichnung ist ebenso einfach, es heißt: Kaaba, Würfel,
sonst nichts. Warum ist es so einfach und weist keine Farbe und kein schmückendes
Beiwerk auf? Weil auch Er in unsere Vorstellung von Farbe und Gestaltung
nicht hineinpasst. Was wir auch gestalten und uns vorstellen, ist nicht
Gott. Gott ist absolut und richtungslos. Nur Du mußt Ihm gegenüber
eine Richtung einschlagen, Du richtest Deinen Blick auf die Kaaba, die
selbst keine Richtung hat. Das Fehlen einer Richtung ist durch die menschliche
Vorstellung nicht erfaßbar. Alles, was als Zeichen Seines richtungslosen
Wesens in unserer Vorstellung Gestalt annimmt, weist schon eine Richtung
auf und kann Ihn nicht symbolisieren. Wie kann eine Vorstellung von dem
Fehlen jeglicher Richtung auf der Erde vermittelt werden? Indem alle gegensätzlichen
Richtungen auf einmal auftreten, damit jede Richtung durch
ihr Gegenteil aufgehoben wird und der Eindruck der Richtungslosigkeit entsteht.
Mit sechs Seiten hat der Würfel die angemessene Struktur, diese Vorstellung
zu vermitteln; sie bezieht alle Richtungen ein, und gleichzeitig zeigt
ihre Summe keine Richtung auf. Die Kaaba ist das konkrete Symbol dieser
Vorstellung.
Wohin lhr Euch wenden möget,
da habt Ihr Gottes Antlitz vor Euch (Koran 2/115).
An der Kaaba betest Du nur
zu Ihm, welche Gebetsrichtung Du auch nimmst. Jede andere Struktur außer
der Kaaba zeigt nach Norden, Süden, Osten, Westen, nach oben oder
unten. Die Kaaba hingegen zeigt in alle Richtungen und doch in gar keine.
Als ein wahres Symbol Gottes hat sie viele Richtungen und doch keine bestimmte.
Da stellst Du erstaunt fest,
daß eine halbkreisförmige kleine Mauer auf der westlichen Seite
der Kaaba angebaut worden ist. Sie gibt ihr eine Richtung und wird Ismaels
Hijr genannt. Hijr bedeutet Rock (Schoß). Die halbkreisförmige
Mauer ist in der Tat einem Rock ähnlich, dem Rock einer Frau.
Es handelt sich um eine
Frau aus Abessinien, eine schwarze Magd von niederer Herkunft, die von
einer Frau neidlos als Bettgenossin ihres Mannes ausgesucht wurde. Sie
war es nicht wert, als Nebenbuhlerin betrachtet zu werden, und der Mann
hatte sie nur genommen, weil er sich ein Kind wünschte; eine Frau,
der in jeder Gesellschaftsordnung die Menschenwürde abgesprochen wurde.
Und nun hat Gott das Symbol
ihres Rockes mit dem Symbol Seines Wesens verbunden. Es deutet auf den
Rock Hajars hin, dort, wo Ismael aufwuchs. Das Haus Hajars befindet sich
dort. Ihr Grab liegt neben der dritten Säule der Kaaba.
Das ist erstaunlich, denn
niemand, nicht einmal die Propheten, darf in den Moscheen begraben werden;
und hier grenzt das Haus Gottes an das Haus einer Magd, ja, es wird zur
Grabstätte einer Mutter. Nur hier ist eine Richtung zu erkennen. Die
Kaaba erstreckt sich bis zu diesem Symbol.
Zwischen dem Halbkreis und
der Kaaba befindet sich heute ein schmaler Durchgang. Bei dem Rundlauf
um die Kaaba hätte man diesen Durchgang benutzen können, doch
ohne die Umschreitung auch dieses Teiles der Kaaba gilt der Rundlauf nicht
als Hadsch, das Gebot Gottes ist nicht erfüllt.
Zu allen Zeiten mußten
die Menschen, die an die Einzigkeit Gottes glaubten und seinem Gebot Folge
leisteten, diesen Rock umschreiten, wenn sie die Stätte der Liebe
umwanderten, denn auch das Haus von Hajar, ihr Grab und ihr Rock sind Drehpunkte
des Rundlaufes; sie sind ein Teil der Kaaba. Die Richtungslosigkeit
der Kaaba hört hier auf, an dem Rock einer afrikanischen Magd, einer
guten Mutter. Hier ist der Schoß der Kaaba, der Dreh- und Angelpunkt
der Menschheit.
Der einzige Gott ist in Seiner
ruhmreichen Allmacht allein, Er steht jenseits alles Existierenden. Er
braucht nichts und niemanden, und doch hat Er unter all Seinen unzähligen
Geschöpfen eines auserwählt: den Menschen; und unter allen Menschen
eine Frau, unter allen Frauen eine Sklavin und unter allen Sklavinnen eine
schwarze Magd. Das am meisten erniedrigte Seiner Geschöpfe hat
einen Platz an Seiner Seite gefunden, ist bei Ihm zu Hause. Oder ist Gott
zu ihrem Haus gekommen, ihr Nachbar, ja, ihr Hausgenosse geworden? Unter
einem Dach begegnen wir Gott und Hajar. Auf diese Weise wird der unbekannte
Soldat in einer monotheistischen Gemeinschaft auserwählt.
Das Ritual der Wallfahrt
ist mit der Erinnerung an Hajar aufs engste verbunden. Hidschra (Auswanderung),
eine der bedeutendsten Handlungen, geht wie Hajar auf denselben Wortstamm
zurück.
Muhajir, das ideale Geschöpf
Gottes, handelt nach dem Vorbild Hajars. Der Auswanderer ist jemand, der
wie Hajar handelt (der Prophet).
Dänn ist also Hidschra
(Auswanderung) eine Handlung nach dem Vorbild Hajars, und im Islam bedeutet
sie den Übergang von der Barbarei zur Zivilisation, das heißt,
vom Unglauben zum Islam, wie auch die Arabisierung nach der Hidschra
den Verfall in die Barbarei bzw. den Rückfall in den Unglauben bedeutete.
Der Unglaube ist also gleich Barbarei und die Religion gleich Zivilisation.
Hijr bedeutet in der Muttersprache
Hajars Stadt. Hier wird Hajar, die afrikanische Frau, eine schwarze abessinische
Sklavin, zum Symbol der Zivilisation. Die Auswanderung, die Handlung
nach ihrem Vorbild, ist also der Aufbruch zur Zivilisation.
Auch bei der Bewegung des
Menschen um Gott bildet Hajar einen Mittelpunkt. Auf Deiner Wanderung zu
Gott vollziehst Du den Rundlauf um die Kaaba und den Schoß Hajars.
Was Du siehst, kannst Du nicht begreifen. Gott im Hause einer schwarzen
afrikanischen Sklavin? Das geht über den Horizont des Menschen im
Zeitalter der Freiheit und des Humanismus.
Tawaf (Rundlauf um die
Kaaba)
Die Menschenmenge kreist
um die Kaaba wie ein tosender Strudel.
Alles bewegt sich um sie,
nur sie ist regungslos; eine Sonne im Zentrum der Sterne, die ihre Kreise
um die Sonne ziehen. Beständigkeit, Bewegung und Disziplin gleich
Umwandern.
Symbolisiert diese Gleichung
das Teilchen in einem großen Ordnungssystem oder das Universum in
der monotheistischen Weltanschauung? Gott ist das Zentrum der Welt, Er
ist der Mittelpunkt der Existenz, der Dreh- und Angelpunkt dieses Kreislaufes.
In diesem Ordnungssystem bist Du ein Teilchen, das sich ständig in
Bewegung befindet, sich wandelt und doch in allen Positionen und zu allen
Zeiten einen gewissen Abstand halten muß. Die Entfernung zu Ihm hängt
von dem Weg und dessen Radius ab, den Du zu Ihm eingeschlagen hast. Auch
die Kaaba berührst Du nicht, dort kannst Du Dich nicht aufhalten.
Für Dich gibt es keinen Stillstand.
Es gibt keinen Pantheismus,
sondern Monotheismus. Der Strudel der Menschen kreist um die Kaaba, und
die Menschen sind nur in ihrer Gesamtheit zu erkennen. Mann und Frau, Du
und ich sind nicht zu erkennen. Das Individuum ist in der Gesamtheit aufgegangen,
nicht in Gott, sondern in der Menschheit, ja, in der Gemeinschaft. Eine
Entwerdung auf dem Wege zu Ihm, für Ihn und um Ihn; die Entwerdung
des Menschen als Individuum und sein Fortbestand in der Gemeinschaft, denn
Gott und die menschliche Gemeinschaft gehören zusammen. Der Weg zu
Gott führt über die Menschen. Individualismus und Einsamkeit
führen nicht dorthin. Nicht im Kloster, sondern in der Gesellschaft
sollst Du Askese üben. Am Orte des Geschehens und um der
Menschen willen kannst Du durch Nächstenliebe, Aufrichtigkeit,
Selbstlosigkeit, Leidensfähigkeit und durch das Auf dich nehmen von
Entbehrungen und Gefahren zu Gott finden, denn: ln jeder Religion gibt
es eine Art Askese. Die Askese meiner Religion ist Dschihad (der
Prophet).
Aus diesem Grunde kannst
Du während des Tawaf (Rundlaufs) die Kaaba nicht betreten, dort Halt
machen oder sitzen bleiben. Du mußt in die Menge hineingehen, in
der Masse der Umwandernden aufgehen und in den Strudel der Menschen hineintauchen.
In dieser Hingabe an die Gemeinschaft der Umwandernden,
in der Selbstaufgabe gegenüber der Gesamtheit liegt die eigentliche
Bedeutung der Wallfahrt. So wirst Du zu einem Hadschi, so erfüllst
Du das Gebot Gottes und findest den Weg zu Seinem Heiligtum, dem geweihten
Ort.
Die Kaaba ist umgeben von
dem reißenden, weißen Strom der sie umkreisenden Menschenmenge,
die einheitlich ohne Unterscheidung der Person dahin zieht. Hier kannst
Du keinen wieder erkennen. Nur hier siehst Du die Ganzheit.
Außerhalb der Kaaba
ist sie nur ein subjektiver Begriff. Menschheit ist nur eine Vorstellung,
eine Idee, ein abstrakter Begriff. In der Außenwelt gibt es nur Menschen;
sie werden durch Namen, Geschlecht, Rasse und Nationalität unterschieden.
Fiier sind dagegen die Realitäten verwischt und subjektiv abstrakte
Wahrheiten haben konkrete Gestalt angenommen. Hier kreist nur die Menschheit
um die Kaaba und nichts anderes.
Und Du, ichbezogen wie Du
bist, stehst außerhalb des Tawaf. Du bist ein Zuschauer am Ufer dieser
strudelnden Menschheit. Du bist unbeweglich, existierst also nicht. Du
bist ein Fremder, ein Individuum, ein Nichts. Du wurdest aus Deiner Kreisbahn
geworfen und hast Dein Dasein verloren. Du mußt wieder da sein. Hier
lernst Du durch Selbstlosigkeit, wieder zu sein. Durch ständige Hingabe
an die Ummah (die Gemeinschaft) findest Du
allmählich zu Dir selbst. Du entdeckst Dich selbst, Dein wahres
Ich. Es ist wie bei einem Martyrium. Durch die revolutionäre Hingabe
Deines Lebens, durch das Blutzeugnis wirst Du zu einem ständig anwesenden
Zeugen. Du führst ein ewiges Dasein.
Und Du darfst ja nicht meinen,
daß diejenigen, die auf Gottes Weg getötet worden sind, (wirklich)
tot sind. Nein, sie leben und für sie wird bei ihrem Herrn gesorgt
(Koran 3/169).
Weil der Weg Gottes der Weg
der Menschen ist, führt kein Weg zu Ihm über den Individualismus.
Aber was ist mit den Gebeten, die jeder einzeln verrichtet? Sie dienen
dazu, Dich zur Selbstlosigkeit zu erziehen, so daß Du die Fähigkeit
erlangst, Dich für die Gemeinschaft aufzuopfern, um ein Mensch zu
werden, denn das Individuum ist vergänglich. Nur der Mensch bleibt.
Der Mensch ist Stellvertreter Gottes auf Erden und wird es auch bleiben,
solange es den einen Gott gibt. Und Du wirst ewig leben, wenn Du Dich in
dieser Unendlichkeit auflöst, denn ein Tropfen Wasser, der nicht ein
Teil des Meeres oder des Flusses ist, ist wie der Tau, dessen Leben nur
eine Nacht lang währt und der von den ersten Sonnenstrahlen aufgesogen
wird, weil er stillsteht. Schließe Dich dem Flusse an, damit
Du fließen und das Meer erreichen kannst. Warum bist Du stehen geblieben
wie der Tau? Schließe Dich diesem wohlklingenden und wogenden Strom
an, dessen Ordnung an die Harmonie der Schöpfung erinnert.
Willst Du Dich nun den Menschen
anschließen, so erkläre Deine Absicht, damit Du Dir bewusst
bist, was Du tust und warum. Du tust es nicht für Dich selbst, sondern
für Gott; nicht der Politik wegen, sondern der Wahrheit wegen.
Jede Handlung bekommt hier
einen Sinn. Eine strenge Ordnung herrscht in dieser ständigen Bewegung;
sie ist ein Sinnbild dieser Welt. Der Schwarze Stein, das Treuegelöbnis.
Am Fuße des Schwarzen Steines beginnt der Tawaf; hier wirst Du ein
Teil des Universums.
Du schließt Dich den
Menschen an und gehst in ihnen auf wie ein Tropfen Wasser im Ozean.
Du findest Deine Umlaufbahn und setzt Dich in Bewegung zu Gott hin auf
dem Wege der Menschen.
Zuerst mußt Du den
Schwarzen Stein mit der rechten Hand berühren und Dich dann unverzüglich
von den Wogen des Strudels treiben lassen. Bringe Ihm die Huldigung entgegen,
werde Sein Vertragspartner, löse Deine früheren Gelöbnisse
und Bindungen, erkläre alle Verträge, die auf der Basis der Macht,
des Reichtums und des Betruges geschlossen worden sind, für
nichtig, befreie Dich von den Verpflichtungen gegenüber
den irdischen Göttern, den Stammesführern, den Aristokraten
der Qureisch und den Hauseigentümern, denn Gottes Hand ist (bei ihrem
Handschlag mit Dir) über ihrer Hand (Koran 48/10).
Du bist Vertragspartner Gottes
und stehst im Wort. Schließe Dich den Menschen an, bleibe nicht stehen,
setze Dich in Bewegung, suche Deine Umlaufbahn, treffe Deine Wahl, tauche
in die Menge hinein, verrichte den Tawaf, trete ein!
Wie ein Bächlein, das
in einen mächtigen und reißenden Strom fließt, bewegst
Du Dich fort, läßt Du das Ich hinter Dir zurück, schließt
Du Dich der Gemeinschaft an, umkreist Du das Haus, wobei Du einen möglichst
kurzen Radius anstrebst. Du fühlst Dich nicht allein, Du bewegst Dich
in der Gemeinschaft, allmählich hast Du das Gefühl, daß
Du Dich nicht bewegst, sondern von der Gemeinschaft bewegt wirst. Die Füße,
die Dich als Individuum aufrecht hielten, sind frei und entlastet; sie
tragen Dich nicht mehr.
Siehe Abrahams Gott,
wie er das Verhältnis Seines Dieners zu sich mit dessen Verhältnis
zur Gemeinschaft in Verbindung bringt. Auf welch eine tiefsinnige Weise
führt Er Dich durch die Anziehungskraft Seiner Liebe zu der Gemeinschaft.
Hier suchst Du die Begegnung mit Gott und findest Dich im Menschengewühl.
Seinem Gebot folgend, bist Du in Sein Haus zu einem Privatbesuch gekommen.
Nun, nachdem Du den langen Weg gemacht hast, wird Dir bedeutet, Dich der
Gemeinschaft anzuschließen, das Haus nicht zu betreten, am Hause
nicht stehenzubleiben, ja, nicht auf das Haus zuzugehen, sondern Schulter
an Schulter mit anderen Menschen vorbeizuziehen und, den Blick nach vorne
gerichtet, die Kaaba zu umkreisen; denn das Verlassen der Umlaufbahn in
Richtung der Kaaba macht den Tawaf ungültig. Bleib nicht stehen, weiche
nicht nach rechts oder links, kehre und blicke nicht zurück. Du ziehst
an der Kaaba vorbei und darfst sie nicht besuchen. Du darfst Dich nicht
nach der Qibla umdrehen, denn sie ist immer vor Dir. Nun bist Du ein Teil
der Schöpfung geworden, Du befindest Dich in der Umlaufbahn dieses
Sonnensystems, Du kreist um die Sonne der Welt (Kaaba) wie ein Himmelskörper,
Du drehst Dich um Gott und allmählich fühlst Du Dich nicht mehr.
Nur das Gefühl der Liebe und der Liebesbegeisterung übermannt
Dich. Du bist hingerissen! Du kreist und kreist und siehst außer
Ihm keinen. Du bist nichts und fühlst doch Deine Existenz. Du existierst
und fühlst doch, daß Du nicht mehr bist. Du warst nur ein Punkt
und nun bist Du eine fortlaufende Linie, die ständig in Bewegung ist,
um Ihn und zu Ihm. Du bist die Zuversicht und die Hingabe selbst, dies
ist höher als jede Freiheit, ein Zwang, den Du frei gewählt
hast.
Die Liebe hat ihren Höhepunkt
erreicht; sie ist absolut. Du hast Dich von Deinem Ich losgelöst.
Allmählich näherst Du Dich Ihm immer mehr. Du bist von Kopf bis
Fuß Liebe. Du gibst Dich hin.
Wollten wir die Liebe als
eine Art Bewegung interpretieren, so würden wir an die Schmetterlinge
erinnert. Die Kaaba ist der Mittelpunkt Deiner Liebe und Du ziehst wie
ein Zirkel Kreise um sie.
Da ist Hajar, unser Vorbild.
Gott, die große Liebe und Stütze der Menschheit, hat ihr befohlen,
ihre Heimat mit ihrem Säugling zu verlassen, um in ein entsetzliches
Tal des Schreckens auszuwandern, wo nicht einmal Disteln wachsen. Hingebungsvoll
folgte sie diesem Gebot, das nur aus Liebe befolgt und verstanden werden
kann.
Eine einsame Frau mit ihrem
Kind in einem abgelegenen Tal, umgeben von kahlen, verbrannten Bergen und
vulkanischen Gesteinen.
Ohne Wasser, ohne Zufluchtsstätte,
verlassen, aber warum? Er hat es gewollt, Er hat absolute Zuversicht verlangt,
die durch Verstand, Berechnung und Logik nicht erfaßt werden kann.
Ohne Wasser kann sie nicht existieren. Das Kind braucht Milch und sie die
Gesellschaft eines anderen Menschen. Als Frau und Mutter braucht sie einen
Beschützer. Doch wer von Liebe beseelt ist, nimmt Entbehrungen auf
sich. Der von der Liebe zu Gott erfüllte Mudschahid kann seinen Kampf
auch mit bloßen Händen führen.
Ihr, die Einsamen, Mutter
und Kind, verlaßt Euch auf Ihn! Nehmt Zuflucht zur Liebe, habt Gottvertrauen!
Nach der 7. Runde des Umlaufs
beendest Du den Tawaf. Die Zahl Sieben ist nicht nur die Summe von sechs
und eins, sie erinnert vielmehr an die Schöpfung. Dein Tawaf um Gott,
das heißt, Deine Hingabe an die Menschen, ist ein immerwährendes,
unendliches Fortschreiten auf dem Wege der Menschen.
Hast Du Dich während
des Tawaf nicht als ein Teil des Universums gefühlt? Ist der Tawaf
um einen Mittelpunkt nicht eine eindrucksvolle Demonstration der Existenz?
Eine anschauliche Interpretation des Monotheismus durch Bewegung?
Nun verrichtest Du
ein zweiteiliges Gebet in Maqam Ibrahim (Stätte Abrahams). Maqam Ibrahim
ist eine Stätte, in der ein Stein mit den Fußabdrücken
Abrahams aufbewahrt wird. Er hat auf diesem Stein gestanden und den Hajar
al-Aswad (Schwarzen Stein), den Grundstein der Kaaba, gelegt. Er stand
dort und baute die Kaaba.
Es ist eine ergreifende Szene.
Bist Du Dir der Tragweite Deines Handelns bewußt? Was alles der Glaube
an den einzigen Gott zur Folge hat! Einmal wirst Du bis zur Selbstaufgabe
gedemütigt und zum Abschaum erniedrigt, ein andermal hoch in
den Himmel gehoben, neben Deinen Schöpfer gesetzt, zu Gott in Privataudienz
geführt, Gottes Verwandter und Sein Ebenbild genannt.
Du wirst geschlagen,
verneint, aufgelöst, zerstört, gedemütigt, versklavt, unterworfen
und dann doch gerufen wie ein Freund, Gefährte, Getreuer, Vertrauter,
Zuhörer, die Krone der Schöpfung und ein Intimfreund. Es ist
noch nicht lange her, daß Du massiven Vorwürfen ausgesetzt warst,
als Du am Rande des Tawafgeschehens standest, nur an Dich selbst dachtest,
abseits der Gemeinschaft auf eigsnen Füßen standest und nur
ein Zuschauer warst, denn ein reißender Strom bewegt sich und hat
ein Ziel, er bleibt nicht stehen und wird nicht faulig, er fließt
rauschend und reißt alles mit sich, und am Ende erreicht er das gelobte
Land und verwandelt es in das Paradies. Du bleibst zurück, setzt Dich
ab wie Bodensatz: fest, trocken und rissig (aus Ton gleich der Töpferware)
Koran 55/141. Und Du überdeckst das Land, die Blumen und die Pflanzen
(Verschleierung göttlicher Gnaden = Ungläubigkeit), und so vergräbst
und vernichtest Du Tausende von Samen, die dazu bestimmt sind, aus der
Erde zu sprießen, in den Himmel emporzuwachsen und der Sonne entgegenzueilen.
Aber scheitern wird, wer es verkommen läßt. ( Koran 91 /1)
Der Fluß rauscht
lebenspendend wie Christus, und Du bleibst stehen in einem Loch, in dem
Schlupfwinkel Deiner Individualität, im Tümpel des Egoismus,
in der Zurückgezogenheit des Gefängnisses und hinter den Mauern
des Individualismus. Es ist belanglos, ob Du Dich dabei vergnügst
oder Enthaltsamkeit übst. Du wirst verkommen wie das stehende,
faulige Wasser, der Wurm der Schlechtigkeit wird sich in Deinem Herzen
einnisten und sich fortpflanzen, Deine Farbe wird sich verändern,
Dein Gesicht wird entstellt sein und Du wirst zu einem stinkenden Sumpf:
zu einer feuchten Tonmasse.
Es wäre schön,
den Stein zu überwinden, auch wenn Du mit dem Kopf dagegen anrennen
mußt, denn es fließt leicht, wenn Du die Ebene oder das Tal
zu überqueren hast.
Doch Dein Herz ist wie ein
Sumpf, still, reglos und ungerührt. Fließe wie ein reißender
Strom, überwinde und reiße alles mit. Pilgere, schließe
Dich dem Strudel der umkreisenden Menschen an, verrichte den Tawaf.
Nun, nachdem Du im Meer der
liebenden Menschen und im Strudel der pilgernden Menschheit versunken warst
und Dein ichbezogenes und vergängliches Dasein wegen des
gottbezogenen und ewigen Daseins der Menschen aufgegeben hast, nachdem
Du von den Wogen des Nichts-Seins getragen worden bist und auf dem Wege
der Menschen in die göttliche Umlaufbahn gelangt bist und Dich in
der ewigen und unendlichen Umlaufbahn befindest, nun bist Du wie Abraham.
Abrahams Stätte
Erhebe Dich aus der Versunkenheit
des Tawafgeschehens! Lebe nach dem Tode, sei nach dem Nichts-Sein, gehe
dort auf, wo Du untergegangen bist: am Horizont des eigenen Ich! Nun steigt
Dein göttliches Ich, der Geist Gottes, der in Dir, in Deinem irdischen
Wesen weilte, aus dem Strudel empor. Dort, an der rechten Hand Gottes,
hast Du nach der Entwerdung Deines trügerischen Ich zu Deinem wahren
Selbst gefunden.
Im reinen und weißen
Ihram, im Hause Gottes, in der Rolle Abrahams, stehst Du an dieser Stätte.
Du trittst in die Fußstapfen Abrahams, stehst vor Gott und betest
zu Ihm.
Abraham war der größte
Götzenzerstörer der Geschichte, der Begründer des Monotheismus
in der Welt, ein geduldiger Rebell, ein führender Aufrührer,
ein Prophet, beauftragt, sein Volk mit Liebe und Weitsicht zu führen,
aber auch mit der Axt in der Hand!
In der tiefen Finsternis
des Unglaubens leuchtet das Licht des Glaubens, aus den Niederungen der
Vielgötterei wächst der Glaube an den einzigen Gott empor. Aus
dem Hause Azars, des Götzenmachers seines Stammes, geht Abraham hervor,
der Götzenzerstörer der Menschheit.
Er zerstörte nicht
nur die Götzen, sondern bekämpfte die Unwissenheit und Unterdrückung,
er wandte sich gegen Stillstand, Friedhofsruhe und repressive Sicherheit.
Er war der Vorkämpfer der Bewegung, die Quelle der Hoffnung, der Mann
des Glaubens und der Begründer des Monotheismus.
Auch Du bist Abraham! Betrete
das Feuer, das Feuer der Unterdrückung und der Unwissenheit, um die
Menschen daraus zu befreien. Jeder verantwortungsbewusste Mensch muß
diese Feuerprobe bestehen. Er ist verantwortlich für das Licht und
die Erlösung.
Doch der einzige Gott verwandelt
das Feuer Nimrods für die Anhänger Abrahams in Rosen. Du wirst
nicht verbrennen und nicht zu Asche werden, sondern zeigen können,
wie weit Du Dich in Deinem Dschihad an das Feuer heranwagst und ob Du bereit
bist, durchs Feuer zu gehen, um die anderen daraus zu befreien; ob du bereit
bist, das schwerste Martyrium auf Dich zu nehmen.
Du bist Abraham, opfere
Deinen Ismael. Setze ihm das Messer mit beiden Händen an die Kehle;
auf diese Weise bleiben die Menschen vor Deinem Messer verschont, Menschen,
die an der Schwelle der Macht und des Reichtums geopfert werden. Setze
das Messer an die Kehle Deines Ismael, um die nötige Kraft und Einsicht
zu erlangen, dem Henker das Messer aus der Hand zu schlagen. Doch Abrahams
Gott wird Ismael loskaufen.
Du tötest ihn nicht,
Du verlierst Deinen Ismael nicht, sondern zeigst lediglich, daß Du
bereit bist, für Deinen Glauben eigenhändig Deinen Sohn zu opfern
und noch mehr Leiden auf Dich zu nehmen als die des Märtyrertodes.
Nun hast Du den Tawaf der
Liebe verlassen und bist an der Stätte Abrahams angekommen.
Als Abraham hier ankam,
hatte er ein ereignisreiches Leben hinter sich. Er hatte Götzen zerstört,
Nimrod bekämpft, die Qualen der Folter und des Feuers überstanden,
seinen Sohn Ismael als Opfer dargeboten und war zu Auswanderung, Heimatlosigkeit
und Einsamkeit verurteilt. Der Prophet hatte
den Führungsauftrag (Imamat) übernommen. Sein Weg führte
aus dem Individualismus in die Gemeinschaft. Das Familienmitglied
des Götzenmachers Azar wurde zum Erbauer der Stätte des Monotheismus.
Und nun steht er hier, ergraut
und beauftragt, in der letzten Phase eines Lebens, das zu Geschichte geworden
ist, das Haus mit dem Schwarzen Stein, das Haus Gottes, zu bauen. Ismael
ist sein Gehilfe. Er trägt die Steine und reicht sie dem Vater. Das
Haus Gottes wird errichtet.
Es ist seltsam, daß
Ismael und Abraham mit der Erbauung der Kaaba beauftragt worden sind. Sie
kamen beide bis an den Rand der Vernichtung; dieser wurde vor dem Feuer
bewahrt und jener vor dem Opfertod. Nun sind sie beauftragt, den ältesten
Tempel des Monotheismus auf Erden, das erste Haus der Menschen in der Geschichte,
das Haus der Freiheit und die Kaaba der Liebe und Anbetung zu bauen. Haram
ist ein Sinnbild der himmlischen Geborgenheit und der sittlichen Reinheit.
Nun stehst Du an der Stätte
Abrahams. Seinen Spuren folgend, steigst Du zu dem höchsten Punkt,
den Abraham erreicht hatte. Dort ist er Gott am nächsten gekommen:
in der Stätte Abrahams. Abraham, der Erbauer der Kaaba, der Architekt
des Hauses der Freiheit, der Begründer des Monotheismus, der Kämpfer
gegen die Götzen, der verantwortungsbewusste Führer des Stammes,
der von Nimrod Verfolgte, kämpfte gegen Unwissenheit, Vielgötterei,
die Versuchungen Satans und jeden heimtückischen Kerl, der den Menschen
böse Gedanken einflüstert ( Koran 114/5).
Nachdem er die Qualen der
Verfolgung durchlitten, die Feuerprobe bestanden und seine Opferbereitschaft
bewiesen hatte, baute er ein Haus - nicht für sich oder seinen Sohn
Ismael, sondern für die Menschen, für Schutzsuchende, Verfolgte,
Flüchtlinge und für diejenigen, die auf der ganzen Erde gehetzt
werden und keine Zuflucht finden, denn Nimrods gibt es überall auf
der Welt. Das Haus soll wie eine Fackel des Glaubens in der tiefen Finsternis
der Unwissenheit leuchten. Es ist ein Symbol der Hoffnung für die
Unterdrückten.
Es bietet Geborgenheit, Sicherheit,
Reinheit und Freiheit für die Menschen, für die Familie Gottes;
denn andernorts herrscht überall Niedertracht und Unsicherheit. Die
Erde ist zu einem Freudenhaus geworden: groß und schamlos. Sie ist
in einen Schlachthof verwandelt worden, in dem nur Aggression und Diskriminierung
herrschen.
Und Du, der Du in der Rolle
Abrahams erscheinst an der Stätte seines Wirkens, in seine Fußstapfen
trittst und die Hand seinem Gott als Zeichen der Unterwerfung entgegenstreckst,
lebe wie Abraham! Sei der Architekt des Glaubens Deiner Zeit, hilf Deinen
Leuten, sich aus dem Sumpf des Lebens herauszuziehen, wecke sie aus ihrem
tiefen Schlaf, befreie sie vom Joch der Unterdrückung, führe
sie aus der Finsternis der Unwissenheit, gib ihnen eine Zielrichtung, rufe
sie zum Hadsch und lasse sie den Tawaf vollziehen.
Und Du, der Verbündete
Gottes, der Gefährte Abrahams, kehrst nun vom Tawaf zurück. Dort
bist Du in den Menschen aufgegangen und bist in Gestalt Abrahams wieder
erschienen. Du stehst an der Wirkungsstätte des Architekten der Kaaba
und des Erbauers des Haram und der Masdschid
al-Haram. Hier begegnest Du Deinem Schöpfer und Verbündeten.
Daher
- mach Dein Land zu einer
Stätte der Geborgenheit, als verweiltest Du in Haram,
- mach Deine Zeit zu einer
Epoche von Frieden und Sicherheit, als wärest Du immer im Zustand
des Ihram, - mach Deine Erde zu einer sicheren Moschee, als wärest
Du noch in Masdschid al-Haram, denn die Erde ist
die Moschee Gottes, aber wie Du siehst, ist sie es in Wirklichkeit nicht.
Sa’y
Wenn Du das Tawaf-Gebet
an der Stätte Abrahams beendet hast, begibst Du Dich zu Masaa.
Es ist die Entfernung zwischen den Bergen Safa und Marwah und sie beträgt
über 300 Meter. Siebenmal gehst Du zwischen diesen beiden Bergen hin
und her. Du beginnst an der Spitze des Safa und gehst hinunter. Ein Teil
des Weges, den Du schnellen Schrittes zurücklegst (Harwalah), verläuft
parallel zur Kaaba. Danach gehst Du normal zum Fuße des Marwah.
Sa’y heißt streben. Es ist eine Bewegung mit Ziel und Richtung, verbunden
mit Eile und Schnelligkeit.
Während des Tawaf handeltest
Du wie Hajar. An der „Stätte“ handeltest Du wie Abraham und Ismael.
Beim Verrichten des Sa’y findest Du Dich wieder in der Rolle von Hajar.
Hier sind alle gleich:
Gestalten, Muster, äußere Erscheinungen, Grade, Eigenarten,
Persönlichkeiten, Grenzen, Unterschiede, Entfernungen, Auszeichnungen
und Farben sind aufgehoben. Nur der Mensch und die bloße Menschlichkeit
sind gefragt. Glaube und Liebe, Überzeugung und Tat, sonst nichts.
Hier wird über niemanden geredet, auch nicht über Abraham, Hajar
und Ismael. Das sind keine Individuen, sondern Worte und Sinnbilder. Hier
existieren nur Bewegung und Festigkeit, Menschheit und Gottheit und dazwischen
die Ordnung. Und das ist Hadsch: Der Aufbruch zu einer ständigen Bewegung
in eine bestimmte Richtung. Genauso bewegt sich auch die ganze Welt. Hier
beim Sa’y bist Du wie Hajar, eine Frau aus der geächteten und gedemütigten
afrikanischen Rasse, eine schwarze abessinische Sklavin, die Sklavin von
Sarah. Doch das ist sie nur in einer polytheistischen Gesellschaftsordnung.
Im Monotheismus ist diese Sklavin Gesprächspartnerin Gottes. Sie ist
Mutter der Propheten und die Verkörperung der höchsten und heiligen
Werte, die Gott erschaffen hat. Sie ist die überragende Gestalt auf
dieser Bühne. Sie ist die einzige Frau und Mutter im Hlause Gottes.
Dem Gebote Gottes gehorchend, nahm sie ihr Kind im Säuglingsalter
aus seiner gewohnten Umgebung in der Stadt und aus der Familiengemeinschaft
und brachte es in diese kahlen und steinigen Berge, allein und ohne Lebensmittelvorräte,
allein mit ihrer Liebe. Sie ließ ihr Kind auf Geheiß Gottes
in diesem Tal zurück, in einem ausgedörrten, trostlosen, von
der Hitze glühenden Tal ohne jegliche Vegetation, in einem Tal des
Schreckens und des Todes als Zeichen absoluten Gottvertrauens.
Wie erstaunlich! Es war das
Gebot Gottes. Ihr wurde gesagt, daß Gott sich ihrer und ihres Sohnes
annehmen und für ihr tägliches Brot sorgen würde. Du, Hajar,
die Verkörperung der Hingabe, des Glaubens und des Vertrauens in die
Liebe, stehst unter meinem Schutz. Hajar unterwarf sich dem Willen Gottes
und ließ ihr Kind in diesem Tal zurück. Es war Sein Wille, der
Wille des Geliebten.
Doch Hajar, die Hingabe
in Person, machte sich bald auf und wanderte auf der Suche nach Wasser
von einem ausgedörrten Berg zum anderen. Sie suchte unermüdlich,
war ständig in Bewegung, vertraute auf das eigene Durchhaltevermögen,
auf den eigenen Willen und Verstand. Und was war sie? Eine Frau, eine Mutter,
einsam, obdachlos, kämpfend, suchend, vertrauensvoll, verstört,
leidend, schutzlos, heimatlos, isoliert von ihrer Gemeinschaft, von niederer
Abstammung und Klasse, eine Gefangene, eine Fremde,
eine Sklavin, von Haß verfolgt, von den Aristokraten abgelehnt, von
den Völkern, Rassen, Klassen, ja sogar von der eigenen Familie gehaßt,
eine schwarze Magd mit ihrem Kind in den Armen, verbannt aus dem Haus,
aus der Stadt und aus dem Land der höheren .
Rasse, verirrt in der Wüste
der Einsamkeit, Gefangene in entlegenen Bergen, ruhelos, doch voller Hoffnung,
Wasser zu finden, ständig : auf der Suche von einem Berg zum anderen
wandernd, ohne zu klagen.
Das ist der Kulturbringer
(Prometheus) der Tradition Abrahams; kein Gott, sondern eine Sklavin. Sie
schenkte kein Feuer, sondern Wasser, ja, Wasser! Nichts Verborgenes und
Metaphysisches, keine Liebe, Hingabe und Unterwerfung, kein Lebenselexier
und keinen , Weisheitstrank, keine Mystik und keinen Himmel, sondern nur
Trinkwasser. Kein Wasser von höheren Sphären, sondern aus einer
Quelle dieser Erde, rein materiell. Die gleiche Flüssigkeit, die auf
der Erde fließt, nach der das materielle Leben so dürstet. Der
Körper verlangt es, weil es zu Blut in Deinen Adern wird. Es wird
zu Milch in der Mutterbrust, die den Durst des Kindes stillt.
Die Suche nach dem Wasser
symbolisiert das materielle Leben auf dieser Erde, die objektiven Bedürfnisse
des Menschen, seine Verbundenheit mit der Natur und seine Sehnsucht nach
dem diesseitigen Paradies und den irdischen Früchten.
Und Sa’y ist eine materielle
Bestrebung, das Streben nach Brot und Wasser, der Versuch, Dich und Deine
Familie am Leben zu erhalten, ja, besser zu leben. Auf Dir lastet die Verantwortung
für den Durstigen, der auf Dich wartet. In dieser glühenden Wüste
mußt Du Wasser finden, um seinen Durst zu stillen.
Sa’y ist die Mühsal
auf dieser Erde, die Anstrengung, der Natur zu entreißen, was Du
brauchst, und in das Herz der Erde vorzustoßen, wenn Du Wasser suchst.
Sa’y symbolisiert materielle Bedürfnisse, Handlungen und Ziele.
Es ist das Sinnbild der Wirtschaft,
der Natur und der Arbeit. Es handelt von dem Menschen, seinen Bedürfnissen
und seinen Überlegungen, sie zufriedenzustellen.
Das ist ein erstaunlicher
Vorgang. Die Handlungen von Tawaf und Sa’y folgen dicht aufeinander und
sind in ihrer Art doch weit voneinander entfernt. Zwischen ihnen
liegt die Entfernung zweier Gegensätze.
Tawaf ist die absolute
Liebe, Sa’y die absolute Vernunft. Bei Tawaf dreht sich alles um Ihn, bei
Sa’y nur um Dich. Tawaf ist die göttliche Vorbestimmung,
Sa’y die menschliche Selbstbestimmung.
Bei Tawaf ist der Mensch
wie ein Falter, der eine Kerze so lange umkreist, bis er Feuer fängt,
in den Flammen der Liebe aufgeht und entschwindet, und bei Sa’y ist er
wie ein Adler, der aus eigenem Antrieb zu immer höheren Gipfeln fliegt
und seine Beute überall ausfindig macht. Er beherrscht Himmel und
Erde, trotzt Wind und Wetter, kennt keine Grenzen und
überwindet hohe Berge und weite Ebenen.
Tawaf versinnbildlicht
den von der Wahrheitsliebe ergriffenen Menschen und Sa’y denjenigen, der
von der Realität geprägt ist.
Tawaf ist die Darstellung
des erhabenen Menschen, Sa’y das Sinnbild des mächtigen.
Tawaf ist Liebe, Verehrung,
Geist, Schönheit, Opferbereitschaft, Martyrium, Moral, Güte,
Werte, Spiritualität, Subjektivität, Wahrheit, Glaube, Gottesfurcht,
Enthaltsamkeit, Demut, Gotteserfahrung, Erleuchtung, Herzlichkeit, Hingabe,
Vorbestimmung, Transzendenz, Himmel, Verborgenheit, Gotteswille,
Gehorsamkeit, Gottvertrauen, Mitmenschen, Religion, Jenseits,
Auferstehung, Gott und alles, was die Seele des Ostens bewegt.
Sa’y ist Vernunft, Logik,
Bedürfnis, Leben, Realität, Objektivität, Erde, Materie,
Natur, Wohlstand, Denken, Wissenschaft, Technik, Interesse, Profit,
Genuß, Zivilisation, Wirtschaft, Trieb, Leib, Selbstbestimmung,
Wille, Beherrschung, Lebensunterhalt, Macht, Diesseits, Selbst und alles,
was den Westen zu Anstrengungen veranlaßt.
Tawaf handelt von Gott und
Sa’y von den Menschen. Bei Tawaf geht es um die Seele und bei Sa’y um den
Leib. Tawaf handelt von den Leiden des Daseins und den Sorgen des Himmels
und Sa’y von den Freuden des Lebens und den Annehmlichkeiten der Erde.
Tawaf ist das Verlangen nach
Durst, und Sa’y ist die Suche nach Wasser. Tawaf ist die Hingabe des Falters,
und Sa’y ist der Höhenflug des Adlers.
Hadsch ist die Synthese zweier
Gegensätze. Gegensätze, die den Menschen im Laufe der Geschichte
schon immer beschäftigt haben: Materialismus oder Idealismus, Rationalismus
oder Erleuchtung, Diesseits oder Jenseits, Wohlstand oder Askese,
irdische oder himmlische Gaben, Selbst- oder Vorbestimmung und schließlich
Selbstvertrauen oder Gottvertrauen. Abrahams Gott stellt Dich da vor keine
Alternativen. Er lehrt Dich, diese Gegensätze aufzuheben.
Dazu braucht Er weder Philosophie
noch Mystik, weder Wissenschaft noch Worte. Er empfiehlt Dir, dem Beispiel
eines vorbildlichen Menschen nachzueifern. Dieser Mensch, bei dem die Philosophen,
Mystiker, Gläubigen und Wahrheitssuchenden
in die Schule gehen müssen, ist eine Frau, eine ,schwarze abessinische
Sklavin, eine Mutter. Dem Gebot der Liebe gehorchend, unterwirft sie sich
Ihm mit absoluter Hingabe. Sie nimmt ihr Kind aus seiner gewohnten Umgebung
in der Stadt und bringt es in dieses glühende und öde Tal, in
ein Tal ohne Wasser und Vegetation. Das zeugt von absolutem Vertrauen zu
Gott, einem Vertrauen gestützt auf Liebe und Glauben ohne jegliche
Berechnung. Doch sie sitzt nicht tatenlos neben ihrem Kind, sie wartet
nicht auf ein Wunder, nicht auf himmlische Gaben und nicht auf paradiesische
Flüsse. Sie vertraut ihr Kind dem Geliebten an und
nimmt ihre Bemühungen sofort auf. Sie steht mit beiden Füßen
fest im Leben und tastet sich mit beiden Händen vor. Einsam, durstig,
obdachlos, getrieben vom Verantwortungsbewusstsein, sucht sie in der Fremde,
in den kahlen Bergen von Mekka nach Wasser. Ein aussichtsloses Unterfangen!
Ist hier von Hajar die Rede oder vom Menschen an sich?
Hajars Bemühungen scheitern
und sie kehrt hoffnungslos zu ihrem Kind zurück. Etwas Erstaunliches
ist geschehen. Ungeduldig von dem quälenden Durst hat das Kind, das
im Vertrauen auf die Güte Gottes sich selbst überlassen wurde,
mit beiden Füßen im Sande gegraben. Als alle Bemühungen
zu keinem Ergebnis führten, geschah im Augenblick der
Hoffnungslosigkeit plötzlich das Unerwartete. Es war wie ein Wunder.
Die treibende Kraft der Not und die Macht der göttlichen Liebe
ließen die lebenspendende Quelle aus dem Schoße der Erde sprudeln.
Und die Lehre daraus?
Letztlich führt Dich
die Liebe zum Wasser und nicht die Suche danach. Doch zuerst mußt
Du danach streben. Auch wenn Du mit Strebsamkeit allein nicht zu Ihm findest,
strebe zu Ihm, so gut Du kannst. Bemühe Dich, gestützt auf die
Liebe, und strenge Dich an im Glauben an Gott und mit absolutem Vertrauen
zu Ihm.
Siebenmal legst Du die Strecke
zurück, geradewegs und nicht im Kreise laufend, denn wer sich im Kreise
bewegt, kommt nicht von der Stelle. Es wäre eine absurde Handlung,
eine Anstrengung ohne Sinn und Zweck: Arbeiten, um zu essen, essen, um
zu arbeiten, und schließlich der Tod. Doch wir leben für Gott
und nicht bloß, um zu leben. Wir arbeiten für die Menschen und
nicht bloß, um zu arbeiten. Die Bewegung verläuft in einer geraden
Linie. Es ist kein Spaziergang, sondern eine Wanderung mit Maß und
Ziel. Eine Wanderung von Safa bis Marwah.
Siebenmal gehst Du diese
Strecke hin und her. Eine ungerade Zahl ist festgelegt, so daß Du
nicht wieder dort ankommst, wo Du das Sa’y begonnen hast. Siebenmal heißt,
ständig, unermüdlich und lebenslang vorwärts zu streben,
bis Du in Marwah ankommst. Erhebe Dich aus dem Strudel der Selbstentäußerung,
wandle auf den Spuren Adams und gehe den Berg Safa wie Hajar hinauf. Auch
Du bist einsam, obdachlos, verbannt in die Wüste der Erde und rennst,
getrieben von Verantwortungsbewußtsein und gepeinigt von Durst, der
Fata Morgana des Lebens nach. Gehe hinauf und betrachte den weißen
Strom der vorwärtsstrebenden Menschen, die hinuntereilen und auf der
Suche nach Wasser die glühende Wüste durchquereri, den Berg Marwah
hinaufklettern und unverrichteter Dinge sorgenvoll und durstig zurückkehren.
Sie kommen wieder in Safa an, dort, wo die Mühsal begonnen hat. Die
Suche nach Wasser zwischen Safa und Marwah wiederholt sich siebenmal (ständig).
Sie finden zwar bis zum Schluß kein Wasser, doch sie kommen in Marwah
an.
Schließe Dich dem reißenden
Strom der Menschen an, tauche ein in die Menge, verrichte das Sa’y. Lege
den Teil des Weges, der zur Kaaba parallel verläuft, schnellen Schrittes
zurück (Harwalah).
Wir möchten hier unsere
Vorstellung dieses wichtigen Ereignisses beenden. Jeder Muslim sollte unter
den gegebenen Vorraussetzungen, einmal in seinem Leben diese ihm auferlegten
Pflicht nachkommen, da dies zu den fünf Säulen des Islams angehört.
Id Mubarak. Möge
alles in Erfüllung gehen, was ihr euch wünscht.
Wassalm
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