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Evangelisch-lutherische
Landeskirche - Stadtkirchenverband
HANS WERNER DANNOWSKI
GESCHICHTE
Hannover war zu der Zeit,
als die Evangelisch-lutherische Kirche entstanden ist, eine Stadt mit 5.000
Einwohnern. Das war nicht viel, aber es war auch nicht wenig, wenn man
bedenkt, daß Städte mit 20.000 Einwohnern damals schon als Großstadt
gelten konnten. Die Stadt war von Stadtmauern umschlossen, es war die heutige
Altstadt. Und vier große mittelalterliche Kirchen ragten aus dem
Gewirr der kleinen Häuser in den Himmel: die Marktkirche, die
Kreuzkirche, die Aegidienkirche und das Franziskanerkloster (an der Stelle,
an der heute Schloß bzw. Landtag stehen).
Die Reformation in Hannover
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Luther
hatte 1517 in Wittenberg seine reformatorische Wiederentdeckung des Evangeliums,
daß der Mensch gerecht werde allein durch Gottes Gnade, durch seinen
Thesenanschlag ins Gespräch gebracht. Luthers Schriften und Lieder
kamen schon bald nach Hannover, aber die Einführung der Reformation
geschah erst, als schon die meisten anderen Städte sich der Reformation
angeschlossen hatten.
Zwei Dinge kennzeichnen die
Einführung der lutherischen Lehre in Hannover. Wie in allen anderen
Orten ist die Einführung der reformatorischen Lehre kein isoliert
religiöser Vorgang, sondern verbunden mit sozialen und gesellschaftlichen
Umwälzungen. Die im Rat unterrepräsentierten sog. "kleinen Ämter'',
wie die Kramer und Wollenweber und die "Meinheit" als der Zusammenschluß
der Bürger, die keiner Zunft angehörten, waren die Träger
der reformatorischen Bewegung. So taucht in den 39 Artikeln der Meinheit,
die 1532 als Petitionsschrift an den Rat der Stadt den Umschwung einleiten,
die Forderung nach |
der Predigt des "lauteren Evangeliums",
nach "gelehrten Predigern" und nach der Erlaubnis der
freien Bibellektüre
mitten unter anderen Beschwerden auf, die auf Fragen des Fischfangs, der
Viehhaltung, des Schützenfestes und des freien Weiderechtes eingehen.
- Der andere herausragende Sachverhalt ist spezifisch für Hannover:
die evangelisch-lutherische Lehre ist hier vom "Volk" von unten her durchgesetzt.
Herzog Erich I., der ganze Rat und die gesamte Geistlichkeit standen auf
der Seite der "alten Lehre". Kein einziger Theologe ist in Hannover auf
Seiten der lutherischen Bewegung gewesen. Der erste lutherische Prediger
mußte durch Luther von Braunschweig nach Hannover geschickt werden.
| Die Einführung
der Reformation vollzog sich in einem dramatischen, aber unblutigen Aufstand
der Bürger dieser Stadt. Von dem Schwurverbund der Bürgeropposition
auf dem Marktplatz vor dem Rathaus, neben der Marktkirche am 26. Juni 1533
ist uns ein anschaulicher zeitgenössischer Bericht überliefert.
Darin heißt es u.a.: "Als man nun auf dem Markt zusammengekommen
war, ist der Worthalter der gemeinen Stadt, mit Namen Diderik Arnsborch
auf einen Block gestiegen und hat folgendes gesagt: Alle diejenigen, die
vorhaben und fortan ein 'evangelischer Bruder' sein wollen, und wer den
anderen nun als getreuen Bürger lieben will und |
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bei dem Evangelium Jesu Christi
beständig bleiben will und dafür Leib und Gut einsetzen und nun
im Namen Gottes fortfahren will, daß der ein sichtbares Zeichen...
gebe und eine Hand in die Höhe aufhebe. Und das ist so geschehen.
Und so kamen die Bürger diesen Tag wieder zur Einigkeit". Ferdinand
Hodler hat diese entscheidende Szene in der Geschichte Hannovers in einem
großen Gemälde gemalt, das im Hodler-Saal des Neuen Rathauses
zu sehen ist. Der alte Rat und die Geistlichkeit flohen nach Hildesheim.
Rat und Kirchenwesen wurden reorganisiert und in Stadtordnungen ab 1534
und in der Kirchenordnung des Urbanus Rhegius von 1536 festgeschrieben.
Hannover war nun auf einhundert Jahre eine rein evangelisch-lutherische
Stadt.
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Orthodox
lutherische Altstadt und religiös tolerante Neustadt
Das begann sich, zunächst
ganz langsam, zu ändern, als Herzog Georg I. seine Residenz 1636 nach
Hannover legte. Da kamen Architekten, Künstler, Musiker aus anderen,
meist katholischen Ländern; Herzog Johann Friedrich, einer seiner
Söhne, der zum katholischen Glauben übergetreten war, kam für
einige Jahre an die Regierung. Dies blieb eine Episode. Aber mit Kurfürstin
Sophie kam eine Reformierte nach Hannover und gewann großen Einfluß.
Und so spaltete Hannover sich konfessionell und geistig immer mehr in eine
orthodox lutherische Altstadt, in der Angehörige anderer Konfessionen
bis ins 19. Jahrhundert hinein noch keinen Grundbesitz erwerben durften.
Und eine, vom Hof bestimmte, religiös tolerante Neustadt, in
der es am Ende des 19. Jahrhunderts sogar eine geheime "Straße der
Toleranz" gab, mit der Reformierten und der Lutherischen Hof- und Stadtkirche,
der großen jüdischen Synagoge und der katholischen Clemenskirche. |
Gesellschaftliche und
kirchliche Umwälzungen
Das 19. Jahrhundert ist nach
dem 16. Jahrhundert wieder das Jahrhundert der großen gesellschaftlichen
und damit auch der kirchlichen Umwälzungen. Um 1830 hat Hannover'
als Residenzstadt fast noch einen kleinstädtischen Charakter. Die
Volkszählung von 1826 zählt 27.800 Einwohner, von denen 26.600
lutherisch sind. Die Lutheraner verteilen sich auf die Marktkirche
(6000 Gemeindeglieder), auf die Aegidienkirche und die Neustädter
Kirche (je 4000), auf die Kreuzkirche (2000), auf die Garnisonkirche als
Militärgemeinde (5000 Gemeindeglieder!), die Schloß- und Gartenkirchengemeinde
( je 2000) und die Steintorgartengemeinde, die nach Hainholz eingemeindet
ist (1300 Gemeindeglieder). Die Stadt und das Leben in den Kirchengemeinden
ist überschaubar.
Hier setzt nun um 1840/50
durch die industrielle Entwicklung, durch die Umwälzungen im Handels-
und Verkehrswesen, durch den Umbau des Geld- und Kreditwesens, durch das
Gesetz über Freizügigkeit und freie Wahl des Wohnsitzes eine
Entwicklung ein, die innerhalb von 60 Jahren das Bild dieser Stadt von
innen und außen total verändert und die die Erinnerung an das
alte Hannover wie einen fernen Traum erscheinen läßt. 1856 hat
sich die Einwohnerzahl von Hannover verdoppelt, 1875 sind die ersten 100.000
überschritten. Die Volkszählung von 1890 stellt eine Einwohnerzahl
von 63.593 fest, und weitere Eingemeindungen wie weiteres Wachstum stehen
vor der Tür.
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Im gleichen Umfang
wachsen die lutherischen Gemeinden. Die Christuskirchengemeinde hat bei
ihrer Gründung bereits 16.100 Gemeindeglieder, 10 Jahre später
sind es 32.000. 1876 werden in dieser Gemeinde 1.300 Kinder getauft, 400
Kinder konfirmiert, 359 Paare getraut und 600 Personen beerdigt. Ständig
neue Gemeinden werden gegründet, ständig neue Kirchen gebaut:
Tochter-, Enkel-, Urenkel-Gemeinden. Am Ende werden es auf dem Stadtgebiet
von Hannover über 50 evangelisch-lutherische Gemeinden sein. 1902
wird der Stadtkirchenverband gegründet als eine erste Form des kirchlichen
Zusammenschlusses und der Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Stadt. Das
Ende des 1. Weltkrieges bringt mit der Weimarer Republik die Auflösung
der engen Verbindung von Staat und Evangelischer Kirche.
Evangelisch-lutherischer
Landeskirche Hannovers
Die Evangelisch-lutherische
Landeskirche Hannovers wird gegründet, mit einem Bischof an der Spitze.
Hannover wird erstmals in seiner Geschichte Bischofsstadt, am 28. Juni
1925 wird Landesbischof D. August Marahrens in der Marktkirche eingeführt.
Der Nationalsozialismus bringt auch die lutherische Kirche in der Stadt
in die Bewährungsprobe; eine Zeit, die die Kirche zwar als "intakte"
Kirche, aber im Rückblick mit viel zu vielen Kompromissen behaftet
doch relativ schlecht besteht. Die Luftangriffe legen fast alle Kirchen
in Trümmer. Der Wiederaufbau der Kirchen fängt mit der Marktkirche
schon sehr früh wieder an (Wiedereinweihung 1952). Die großen
Flüchtlingsströme bringen neues Leben, aber auch eine neue konfessionelle
Mischung in die Stadt.
Evangelisch-luhterischer
Stadtkirchenverband
1902 als eine erste Form
des kirchlichen Zusammenschlusses und der Zusammenarbeit gegründet,
sind heute im Evangelisch-lutherischen Stadtkirchenverband (der in Richtung
Langenhagen und Garbsen/Seelze über die Stadtgrenzen hinausgeht, aber
ohne Laatzen und Wettbergen) 80 Gemeinden mit etwa 280.000 Mitgliedern
zusammengefaßt. Das sind etwa 48% der Gesamtbevölkerung Hannovers.
Neben den Ortsgemeinden, die mit Gottesdienst, Unterricht, Kindergartenarbeit,
Seelsorge und Diakonie sich an die in ihrem Bereich wohnenden Menschen
wenden, ist eine Fülle von Spezialdiensten entstanden. Telefonseelsorge
und Beratungsstellen, Industriepfarramt und Arbeitslosenzentrum, Jugendzentren
und Stadtjugenddienst, Stadtmission und Stadtakademie weisen mit vielen
anderen Diensten darauf hin, daß der Mensch in der Großstadt
in vielen verschiedenen Lebensbereichen lebt und ganz unterschiedliche
Hoffnungen, Wünsche und Sorgen hat. Das große Diakonische Werk
mit seinen spezialisierten Arbeitszweigen von der Obdachlosenarbeit über
die Senioren- und Sozialarbeit bis zur Suchtberatung weist immer wieder
auf die starken sozialen Spannungen hin, die diese Stadt durchziehen. Die
Diakoniestationen versuchen, den Menschen in ihren Krankheiten nahe zu
sein und zu helfen, wo es geht.
In einer modernen Großstadt
hat es gerade eine Großkirche, zu der noch immer viele Mitglieder
kommen, schwer, ihr Profil zu gestalten und sich den Menschen mit der Botschaft
des Evangeliums verständlich zu machen. Die Mitarbeit in allen Medien
durch das Öffentlichkeitsreferat des Stadtkirchenverbandes gehört
dazu. Kirchenaustritte, die wahrscheinlich ihren Höhepunkt überschritten
haben, schmälern die finanzielle Basis der Kirche. Kirche im Umbruch:
das ist der Gesamteindruck der Evangelisch-lutherischen Kirche in Hannover.
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Zukunft
Ob es künftig noch 80
Kirchengemeinden mit 8 Kirchenkreisen geben wird, wird sich bald zeigen.
Aber in welcher Struktur auch immer: in einem offenen Geist wird die evangelisch-lutherische
Kirche in die nächsten Jahre gehen, um gemeinsam mit den anderen Kirchen
und in einem Miteinander mit den anderen Religionsgemeinschaften davon
Zeugnis abzulegen, daß der Mensch mehr ist als das, was man von ihm
sieht, und in weitere und tiefere Dimensionen hineinreicht, als viele glauben
wollen. Und daß wir alle miteinander eine Vision haben von der einen |
Welt in Frieden und Freiheit,
in der Vielfalt und Bereicherung der Traditionen und der Geschichte, die
jeder und jede mit sich bringt.
ZUR
REFORMATION MARTIN LUTHERS
Martin Luther hatte keine
eigene Kirche gründen wollen. Es ging ihm um die Reformation der einen
Kirche, die damals freilich schon in einen östlichen Bereich, aus
dem langsam die selbständigen orthodoxen Kirchen wurden, und in einen
westlichen Bereich mit dem Mittelpunkt Rom geteilt war. Die 95 Thesen,
die Martin Luther am 31. Oktober 1517 an die Schloßkirche in Wittenberg
schlug, waren Teil einer Disputation über den Ablaß in dieser
einen Kirche, dessen verheerende Auswirkungen Luther als Seelsorger oft
genug erfahren hatte. Das ewige Heil des Menschen war nicht durch Geld
und durch den Kauf von Ablaßbriefen zu erreichen, so seine Meinung
darüber. Und so lautet die berühmte 1. These: "Wenn unser Herr
und Meister Jesus Christus sagt: 'Tut Buße' (Matth. 4,17),
so will er, daß das ganze Leben seiner Gläubigen auf Erden eine
stete Buße sein soll".
Die damalige Kirche wollte
sich nicht reformieren lassen. Luther wurde in Acht und Bann gesetzt. Da
sich aber reichlich kirchlicher und gesellschaftlicher Sprengstoff angesammelt
hatte, breitete sich die Reformation Martin Luthers vor allem in den Städten
aus und führte zur Einführung der "neuen Lehre" fast überall
in Deutschland und darüber hinaus. Lange Zeit schien es, es würde
das ganze Deutsche Reich protestantisch werden. Aber politische Verwicklungen
und das Erstarken der Gegenreformation führten am Ende in den verheerenden
30jährigen Konfessionskrieg (1618 - 1648), an dessen Ende die Aufteilung
Deutschlands in römisch-katholische und protestantische Gebiete stand.
Cuius regio eius religio, war die Formel. Die Konfession der Herrscher
sollte auch die Konfession der Untertanen bestimmen. Nach Auswanderungsbewegungen
hier und dort war damit das kirchlich zweigeteilte Gesicht der deutschen
Lande geschaffen. Die Protestanten gliedern sich dann noch auf in lutherische,
reformierte und unierte Territorien (uniert: Lutheraner und Reformierte
zusammen in einer Kirche). Bis in das 19. Jahrhundert, in dem durch die
Industrialisierung und dann später im 20. Jahrhundert die Flüchtlings-
und Einwanderungsströme eine noch stärkere konfessionelle Mischung
brachten, galt: der Norden Deutschlands ist stärker protestantisch,
der Süden stärker katholisch.
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GLAUBENSAUFFASSUNG
DER LUTHERANER
Für die Glaubensauffassung
der Lutheraner sind drei Kurzformeln charakteristisch geworden und geblieben.
Auf lateinisch: sola scriptura, sola gratia, sola fide.
Sola scriptura (allein
die Heilige Schrift.):
Gegen die starke Betonung
der Tradition in der Geschichte der Kirche, die der Katholizismus lehrte
und praktizierte, setzte Luther die Auffassung, daß alles, was der
Christ glauben müsse und dürfe, sich aus der Bibel ergeben müsse.
Auch Konzilien können irren, hatte Luther schon früh erkannt.
Das bedeutete nicht, daß die Geschichte der Kirche irrelevant würde.
Die Glaubensbekenntnisse der alten Kirche werden noch heute in den lutherischen
Kirchen akzeptiert und in den Gottesdiensten gesprochen. Luther war von
Haus aus Augustinermönch, und von Augustinus und anderen großen
Männern und Frauen der Kirche hat Luther viel gehalten. Aber eine
normative Kraft konnte er der Tradition nur zugestehen, wenn sie durch
die Auslegung der Bibel gedeckt war. Das ist bis heute so geblieben. Das
Lesen der Bibel und die Auslegung der Bibel, etwa in der Predigt, spielt
in den lutherischen Kirchen eine entscheidende Rolle. Dabei ist zu beachten,
daß natürlich die Aussagen der Bibel oft vielgestaltig und gelegentlich
auch widersprüchlich sind. Da wird es darum gehen, die Kernaussagen
der Bibel herauszuarbeiten. "Was Christum treibet", ist Luthers Faustformel
gewesen, das ist entscheidend. Vieles andere, etwa die Zeremonialgesetze,
konnte er beiseite lassen.
Sola gratia (allein aus
Gnaden),
das ist die zweite Kurzformel,
die das Denken der Lutheraner charakterisiert. Luther hatte es als Mönch
stark mit der Werkgerechtigkeit zu tun und ist daran verzweifelt, vor Gott
nur dann bestehen zu können, wenn er durch gute Werke bei Gott annehmbar
würde. Bis ihm beim Studium des Römerbriefes aufging, daß
es Paulus bei der Beschreibung der Gnade gar nicht um die von den Menschen
durch gute Werke zu erwerbende Gnade ging, sondern um die Gnade als Geschenk
Gottes. Gott macht den Menschen gerecht durch das Geschenk seiner Gnade,
"ohn' all mein Verdienst und Würdigkeit". Und auf einmal fingen die
großen Gleichnisse des Neuen Testaments wieder zu leuchten an, etwa
das Gleichnis vom "Verlorenen Sohn" (Lukas 15), in dem der Vater dem Sohn,
der nichts mehr vorzuweisen hat, entgegenläuft und ihn in die Arme
nimmt. So handelt Gott, und so hat Jesus Menschen angenommen, hat Zöllner,
Sünder und Huren um sich versammelt und hat aus ihnen seine Gemeinde
gebaut.Die guten Werke sind damit nicht abgetan, nein, ganz im Gegenteil.
Das Verhältnis von Gnade und Werken faßt Luther in das Bild
vom Baum und seinen Früchten: Nicht die Früchte machen den Baum,
sondern ein guter Baum bringt gute Früchte, ein fauler Baum bringt
keine. Das protestantische Prinzip der "Rechtsfertigungslehre"
ist daraus geworden, das noch heute als das Zentrum des lutherischen Glaubens
gilt. In einer Zeit, die den Menschen primär nach seinen Leistungen
und nach seinem Einkommen und Vermögen mißt, wird dieser Ausblick
auf die Rechtfertigungslehre immer wichtiger. Es ist etwas anderes, was
den Menschen als Person auszeichnet, als das, wozu er sich macht. Sein
Personsein bekommt er von Gott geschenkt, wie immer es ihm geht und wer
er auch ist. Es kommt dann freilich darauf an, ob er das annehmen kann,
und was er daraus macht.
Daraus ist dann die dritte
Kurzformel entwickelt:
sola fide (allein durch
den Glauben).
Der Glaube nimmt das Geschenk
der Gnade an. Auch der Glaube ist kein Werk des Menschen, ist die Einwohnung
des göttlichen Geistes in uns. Aber der Glaube ist ein gestaltendes
Prinzip. Der Glaube ist der Ausdruck dessen, daß die Gnade den ganzen
Menschen erfaßt, ihn bewegt und in Bewegung setzt. Der Glaube ist
darin deutlich vom Wissen abgesetzt. Wissen
kann ich etwas ohne Einsatz
meiner ganzen Person. Den Glauben kann ich
dem Anderen nur unter Einsatz
meiner ganzen Person weitergeben. Sehr schön
hat der Philosoph Karl Jaspers
einmal den Unterschied zwischen Glauben und
Wissen an den Gestalten
Galilei und Giordano Bruno aufgewiesen. Beide waren
der Ketzerei angeklagt.
Galilei widerrief seine Aussage, daß sich die Erde
um die Sonne drehe, und
die Legende legt ihm in den Mund, daß er hinterher gesagt habe: Und
sie bewegt sich doch. Er konnte darauf vertrauen, daß
sich diese Erkenntnis als
Wissen einmal wie von selbst durchsetzen würde.
Giordano Bruno widerrief
seine Ansichten über das Wesen des Glaubens und
die Reform der Kirche nicht
und ließ sich dafür verbrennen. Beide, so
Jaspers, taten ihrer Wahrheit
jeweils ganz Entsprechendes. Der Glaube ist
das Wagnis des Herzens und
der ganzen Person, seine Hoffnung und seine
Zukunft ganz auf Gott und
seine Gnade zu setzen. Daraus erwachsen Konsequenzen für das ganze
Leben: für den Kampf um den Frieden beispielsweise, für eine
Gerechtigkeit zwischen arm und reich, für die Bewahrung der Schöpfung.
Nichts anderes kann zur Richtschnur unseres Lebens werden als das, was
Gott mit dieser Erde, die er geschaffen hat, und mit dem Menschen als seinem
Ebenbild gewollt hat.
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LITERATUR
Dannowski, Hans Werner/Röhrbein,
Waldemar R.:
GESCHICHTEN UM HANNOVERS
KIRCHEN,
Hannover 1983
Müller, Siegfried:
KIRCHE UND REFORMATION
DAS BEISPIEL DER LANDSTADT
HANNOVER,
Hannover 1987
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